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23.01.2003

09:39 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Richter Sweet und die Rückkehr des Verstands

VonLars Halter © Wall Street Correspondents (Inc.)

Der Verstand kehrt zurück! - Nicht nur an der Wall Street, wo die Kurse angesichts schwacher Unternehmensdaten wieder fallen und sich eine hoffnungsvolle Januar-Rallye in Luft auflöst, sondern auch andernorts in Amerika scheint bequemes Wunschdenken einem gewissen Gespür für Sinn und Realität zu weichen. Das aktuellste Beispiel kommt aus der Fast Food-Branche.

Selbst im Land der Sorglosigkeit und des schnellen Essens ist es kein Geheimnis, dass die Menüs bei McDonalds nicht die gesündesten sind. Zu viele von den fetten Burgern machen nicht nur dick, sondern sie treiben den Cholesterinspiegel hoch, sorgen für Arterienverengung und ein größeres Infarktrisiko... - ein jeder weiß es.

Wenn sich einer dennoch ausschließlich von Burgern und Fritten ernährt, dann muss er die Konsequenzen tragen. Am Mittwoch sieht das der New Yorker Bezirksrichter Robert Sweet nicht anders, und er fällt ein ebenso kluges wie Aufsehen erregendes Urteil: Sweet hat die Klage einiger Jugendlicher aus dem Stadtteil Bronx abgeschmettert, die sich jahrelang bei McDonalds ernährt hatten, nun fett sind und Schadenersatz wollten.

"Jeder weiss, dass Fast Food nicht gesund ist"

So geht?s nicht, urteilte Sweet, die Kläger könnten nicht beweisen, dass Produkte von McDonalds unbekannte Gefahren bergen. "Jeder weiß, dass Fast Food nicht gesund ist. Wer seinen Appetit trotzdem mit Hamburgern stillt, dann kann er nachher nicht den Produzenten dafür verantwortlich machen", appelliert er an den Verstand der Kläger. Das wurde höchste Zeit, denn eben diesen müssen Amerikaner im Alltag nur selten einsetzen.

Ausgerechnet bei McDonalds erinnert man sich an den - bis heute umstrittenen - Fall einer 79-jährigen Rentnerin, die sich 1992 heißen Kaffee auf den Schoß schüttete und für ihre Verbrennungen ein Schmerzensgeld von 500 000 $ zugesprochen bekam. Auch zwei Hindus und ein Vegetarier hatten es nicht lassen können, wider ihre Prinzipien bei McDonalds zu essen, nur um hernach herauszufinden, dass die Pommes Frites mit einem Extrakt aus Rindertalg gewürzt worden waren. Ihre Sorglosigkeit wurde reichlich belohnt, McDonalds zahlte 10 Mio. $.

"Die ganze Geschichte um die Klagen ist eine große Lotterie", meint William Ohlemeyer, Vizepräsident bei Philip Morris. "Wer oft genug klagt, der findet irgendwann eine Jury, die zu Gunsten des Klägers entscheidet." Ohlemeyer weiß wovon er spricht - keine andere Branche hatte mit so vielen Schadenersatzforderungen zu kämpfen wie die Tabakindustrie. Krebskranke Raucher, Hinterbliebene von Kettenrauchern, Barkeeper mit Schäden durch Passivrauchen in der eigenen Kneipe, sie alle klagen seit Jahren gegen Philip Morris, RJ und Richter in den ganzen USA geben ihnen regelmäßig Recht. Als hätten sie alle nicht wissen können, dass Rauchen der Lunge nicht eben gut tut.

Vielleicht leitet Richter Sweet eine Wende ein. Vielleicht werden sich manche Kollegen an dem Mann ein Beispiel nehmen, der nicht länger der tumben Konsumwut und der gedankenlosen Gier der Verbraucher seinen Segen erteilt, sondern seine Landsleute zum Mitdenken auffordert.

Abgründe während der Ertragssaison

Vielleicht greift ein Siegeszug der Vernunft auch einmal auf andere Bereiche über, zum Beispiel auf die Börse. Inmitten der laufenden Ertragssaison tun sich wieder einmal Abgründe auf, vor denen nicht nur Anlegern graust: Nach wie vor rechnen Unternehmen und Analysten mit Pro-forma-Gewinnen als hätte es die Bilanzmogeleien des vergangenen Jahres nicht gegeben. Munter werden "einmalige Kosten" aus den Büchern gerechnet und Gewinne geschönt - mit einem Unterschied zu früher: Während einst wenigstens einheitlich gemauschelt wurde, weiß heute die eine Hand nicht, was die andere tut. Auch Stunden nach der Quartalskonferenz ist oft nicht klar, ob ein Unternehmen die Erwartungen der Wall Street getroffen hat oder nicht.

Apropos Erwartungen, auch von diesem Maßstab will man nicht Abstand nehmen. Dabei sind die Erwartungen der Analysten ein Werkzeug, vergleichbar mit dem bauschigen Pompom der Cheerleader: Sie dienen der Stimmungsmache, sie schaffen keine Fakten. Liegt eine Mannschaft kurz vor Abpfiff mit 0:4 Toren zurück, dann ändert auch hektisches Wedeln nicht - und bilanziert ein Konzern einen Umsatz- und Gewinnrückgang von 50 %, dann hilft es nicht, dass die Analysten (vielleicht nach mehreren Warnungen des Managements) mit noch kleineren Erträgen gerechnet hatten.

Es gibt noch viele Bereiche, in der ein wenig Verstand nicht schaden könnte. An der Börse hält man auch schlimmste Szenarien eines Irakkriegs für eingepreist, obwohl das Quatsch ist. Schlimmere Szenarien als einen schnellen Sieg der Amerikaner und eine rasche Sicherung der Ölvorräte hat man auf breiter Front überhaupt nicht durchdacht.

Andernorts hält man einen Irakkrieg überhaupt für unvermeidbar und die Lösung aller Probleme im Nahen Osten. Anders lautende Meinungen werden als unpatriotisch abgestraft, dabei gibt es längst andere mögliche Denkansätze. So wird der Verbraucher nach wie vor als Retter der Konjunktur gefeiert, obwohl nicht zuletzt er es ist, der durch seinen sagenhaften Energieverbrauch die Abhängigkeit der USA von den Ölfeldern im Nahen Osten zementiert.

Es steht in den Sternen, ob sich der Verstand in den USA noch einmal auf allen Ebenen durchsetzt - auf jeden Fall dürfte es einige Zeit dauern. Der erste Schritt ist getan, dank Richter Sweet.

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