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27.01.2003

07:37 Uhr

Die Chancen von Bundesbankvize Jürgen Stark auf den Vorsitz im Ausschuss für Bankenaufsicht sinken

Führungswechsel polarisiert die BIZ

VonKlaus C. Engelen (Handelsblatt)

Europäische Notenbanker fühlen sich aus den eigenen Reihen verraten. Die Wahl eines Kanadiers an die Spitze der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich breche mit europäischer Tradition, heißt es. Die Unabhängigkeit der Baseler Stimme gegenüber dem dominanten Internationalen Währungsfonds stünde auf dem Spiel.

BERLIN. Enttäuscht und verärgert reagieren kontinentaleuropäische Notenbanker auf die Besetzung der Spitze der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit dem Vizegouverneur der kanadischen Zentralbank, Malcolm Knight. Sie hätten lieber die Tradition fortgesetzt, den Chef der "Bank der Notenbanken" aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Ihre Kritik gipfelt in dem Vorwurf: Drei führende Notenbankchefs - der Franzose Jean-Claude Trichet,der Niederländer Nout Wellink und der Schweizer Jean-Pierre Roth- hätten in der Endrunde der Kandidatenwahl vitale europäische Interessen verraten. Auch in einigen europäischen Finanzministerien sorgt die Wahl eines Kandidaten von außerhalb Europas zum Nachfolger des Briten Andrew Crockett für böses Blut.

"Bei der Neubesetzung der BIZ-Spitze geht es schließlich auch um den Vorsitz im politisch immer wichtigeren Forum für Finanzstabilität", beanstanden Notenbankkreise. Voraussichtlich werde dem neuen BIZ-Generaldirektor auch dieser Vorsitz zufallen, weil sich die zerstrittenen G7-Finanzminister kaum auf eine andere personelle Alternative verständigen würden, heißt es von offizieller deutscher Seite. Das Forum spielt bei der Prävention und Bewältigung von globalen Finanzkrisen eine Schlüsselrolle.

Offiziell herrscht Stillschweigen zu der Entscheidung des Wahlausschusses, den der Verwaltungsrat der BIZ vor Monaten eingesetzt hatte. Hinter vorgehaltener Hand ist die Kritik umso lauter. "Europas Mitglieder im Verwaltungsrat hätten sich niemals auf die Scharade eines Wahlausschusses einlassen dürfen", sagt ein deutscher BIZ-Insider, der nicht genannt sein will. "Das Auswahlverfahren mit fünfzig Kandidaten hat den Interessen von jenseits des Atlantiks in die Hände gespielt." Deutsche Offizielle sprechen von einer "weiteren Schlappe für Europa".

Die drei Verantwortlichen aus dem BIZ-Verwaltungsrat kommen in Verlegenheit, wenn sie erklären sollen, warum sie nicht einen europäischen Kollegen nach Basel holten. Spaniens Notenbankchef Jaime Caruana und Schwedens Notenbankreformer Urban Bäckström hatten sich beworben. Sie erhielten eine Abfuhr. Darauf angesprochen, dass sie in Notenbanken und Finanzministerien auf dem Kontinent als "Verräter" an europäischen Interessen kritisiert werden, verschanzt sich das Dreiergespann hinter dem BIZ-Verwaltungsrat. "Das Wahlgremium für Malcolm Knight", ließ der Schweizer Notenbankchef Jean-Louis Roth durch seinen Pressesprecher mitteilen, "ist der BIZ-Verwaltungsrat." Wellink konterte, "der beste Kandidat sollte ohne Rücksicht auf seine Nationalität die Position bekommen."

Dem Dreiergespann wird von einigen eine gute Portion Heuchelei vorgeworfen. Gerade Wellink, Trichet und Roth trumpften verbal auf, wenn es darum gehe, aus Sicht der kontinentaleuropäischen Notenbanken der immer größeren Dominanz der Angelsachsen auf dem europäischen Kontinent entgegen zu wirken. Es sei kein Wunder, dass besonders Spanier und Schweden auf den designierten EZB-Präsidenten Trichet, der vor der französischen Justiz um sein berufliches Überleben kämpft, schlecht zu sprechen sind.

Für Europas Notenbanker und Finanzpolitiker steht im Baseler Notenbankturm mit der Wahl des neuen Generaldirektors viel auf dem Spiel. In der Vergangenheit konnten sie über die BIZ ein Gegengewicht zum Internationalen Währungsfonds (IWF) aufbauen, der heute mehr denn je von den USA für deren Interessen instrumentalisiert wird. Jetzt fürchten manche, dass die BIZ unter Knight zu einer Außenstelle des IWF für Zentralbankdienstleistungen und Finanzmarktstabilität degeneriert. Knight war fast zweieinhalb Jahrzehnte beim IWF tätig.

Europa dürfe nicht das verlieren, was die BIZ bisher liefern konnte, warnt Karel Lanoo, Chef des Brüsseler Forschungsinstituts CEPS. Dies seien unabhängige und qualitativ hochwertige ökonomische und monetäre Analysen aus europäischer Sicht. Diese genössen einen hohen Ruf als ,second opinion? zu einer stark vom IWF geprägten, weltweit vorherrschenden angelsächsischen Analyse.

Für Robert Pringle, Herausgeber von "Central Banking", ist die Wahl des IWF-Veteranen dagegen "ein Schachzug, um der BIZ die von ihr angestrebten globalen Aufgaben zur Stärkung der internationalen Finanzarchitektur zu sichern". Seit der Entscheidung zur Errichtung der Europäischen Zentralbank habe die BIZ "Darwin?sche Überlebensfähigkeit bewiesen".

Die Ablehnung des spanischen Notenbankgouverneurs könnte auch für Bundesbanker negative Konsequenzen haben. Bisher konnte sich Bundesbankvize Jürgen Stark Hoffnungen auf die Nachfolge von William McDonough auf den Vorsitz des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht machen. Es heißt, Deutschland sei beim Bankenausschuss auch mal an der Reihe. Denn die Bundesbank sei in die Bankenaufsicht eingeschaltet und als früherer Finanzstaatssekretär habe Stark ein internationales Standing.

Jetzt soll der McDonough-Posten zur Wiederherstellung des Friedens im Kreis der europäischen Notenbankgouverneure dem abgeblitzten Caruana quasi als Wiedergutmachung angeboten werden, heißt es im Baseler Notenbankturm. Dahinter, so glauben Insider, dürften vor allem diejenigen stehen, die - wie Trichet und Wellink - mit Spaniens Notenbankchef im EZB-Rat zusammen arbeiten müssen.

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