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30.01.2002

19:00 Uhr

Die Commerzbank will nicht vom Universalbankprinzip abweichen

Müller muss an vielen Fronten kämpfen

VonMichael Maisch

In der drittgrößten der Frankfurter Privatbanken wurde der Generationswechsel bereits im vergangenen Jahr vollzogen. Der neue Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller trägt schwer an der Erbschaft seines Vorgängers Martin Kohlhaussen. Für das Jahr 2001 erwarten Analysten rote Zahlen.

FRANKFURT/M. "Repariere nichts, was nicht kaputt ist": Als Klaus-Peter Müller im Mai 2 001 den Chefposten der Commerzbank übernahm, da präsentierte sich der agile Rheinländer noch mit diesem Leitspruch als sanfter Reformer. Das ist zwar noch kein Jahr her, doch die Lage der viertgrößten Bank Deutschlands hat sich seither radikal verschlechtert. Müller steht nach Meinung vieler Analysten und Investmentbanker mit dem Rücken zur Wand.

Schon lange ist es mit Schönheitsreparaturen nicht mehr getan. Die meisten Probleme hat Müller von seinem Vorgänger Martin Kohlhaussen geerbt. Der Pfarrerssohn mit dem gediegenen Auftreten eines hanseatischen Kaufmanns hielt die Zügel der Commerzbank lange Jahre fest in seiner Hand. Kohlhaussen baute zwar ein kompliziertes Netz aus europäischen Beteiligungen auf. Doch mehr als Partnerschaften sollten es nicht sein. Priorität Kohlhaussens war eindeutig die Erhaltung der Selbstständigkeit seiner Bank. In seiner Amtszeit scheiterten Fusionsversuche mit der Hypo-Vereinsbank und der Dresdner Bank.

Heute ist das gelbe Geldhaus zwar noch immer selbstständig, doch dafür hat es einen hohen Preis bezahlt: "Alle Frankfurter Großbanken leiden unter Börsenbaisse und Konjunkturflaute. Aber keine kämpft mit so großen Problemen wie die Commerzbank", meint ein Investmentbanker.

Im dritten Quartal 2001 ist das Institut sogar in die roten Zahlen geschlittert. Wie es im vierten Quartal lief, gibt Müller am kommenden Montag bekannt. Zwar muss auch die Konkurrenz gegen galoppierende Kosten und sinkende Erträge kämpfen. Doch bei den Commerzbank-Verlusten handelt es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher, fürchten Analysten. Prognosen der BHF-Bank zufolge muss das Institut auch für das Gesamtjahr einen Fehlbetrag von 164 Mill. ausweisen, nach einem stolzen Überschuss von 1,3 Mrd. im Jahr 2000.

Der schleichende Verfall lässt sich am Börsenkurs ablesen. Binnen zwölf Monaten verlor die Aktie rund 40 % ihres Werts. Die Marktkapitalisierung liegt mittlerweile nur noch bei 10,8 Mrd. und damit deutlich unter dem ausgewiesenen Eigenkapital von 12,5 Mrd. . So etwas schmerzt: "Dass wir unter Buchwert notieren, verletzt meine Eitelkeit nachhaltig", räumte Müller in einem Interview ein.

Operativ hat die Bank gleich in mehreren Geschäftsfeldern hart zu kämpfen. Einige strategische Projekte sind fehlgeschlagen, andere wiederum über Ankündigungen nicht hinausgekommen. In der Vermögensverwaltung und im Privatkundengeschäft schrieb die Commerzbank zuletzt rote Zahlen. Im Firmenkundengeschäft - bisher einer der Trümpfe - droht wegen der wachsenden Zahl von Unternehmenspleiten und der Fokussierung auf den besonders gefährdeten Mittelstand ein Anstieg der faulen Kredite.

Über einen Mangel an Problemen kann sich Müller also nicht beklagen. Doch wie geht er sie an? Härte zeigen, Verantwortung delegieren - aber auch schnelle Ergebnisse von den Mitarbeitern einfordern, diesen Eindruck versucht der Chef seinen Mitarbeitern zu vermitteln.

Den ersten Paukenschlag setzte Müller im Oktober: Bis 2003 sollen rund 3 400 von insgesamt 40 000 Mitarbeitern gehen und 200 der 900 Geschäftsstellen geschlossen werden. Dazu will der Bankchef in den kommenden zwei Jahren rund 800 Mill. einsparen. Erstmals mussten auch zwei Vorstände ihren Hut nehmen.

Das sei ein Schritt in die richtige Richtung aber noch lange kein Befreiungsschlag, kritisieren Analysten. Bislang habe sich Müller nur zu defensiven Maßnahmen durchringen können, halte aber unbeirrt am Konzept der Universalbank fest. "Die Commerzbank ist in nahezu allen Bereichen des Bankgeschäfts tätig, aber sie erreicht nirgends die kritische Größe, bei der sich das Geschäft richtig lohnt", urteilt Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler.

Müller müsste mehr Bereiche ausgliedern oder zusammen stutzen, fordert eine Analystin. Doch vor solch drastischen Maßnahmen schreckt der Konzernchef noch zurück. Am besten wäre die Commerzbank in einem größeren Verbund aufgehoben, meint deshalb ein Investmentbanker. Nachdem im September 2001 auch die Verhandlungen mit der italienischen Unicredito gescheitert sind, hat sich kein Interessent mehr gemeldet.

Mitte Januar hat sich das trübe Bild zumindest etwas aufgehellt. Völlig überraschend verkündete die Münchener Rück, dass sie ihren Anteil an der Commerzbank auf mehr als 10 % aufgestockt hat. Über eine weitere Aufstockung wird spekuliert. Da dem weltgrößten Rückversicherer auch mehr als ein Viertel der Hypo-Vereinsbank gehört, erhielt die Fusionsfantasie neue Nahrung.

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