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03.01.2003

11:35 Uhr

Die Deutsche Eislauf-Union hat wenig Geld und viele Sorgen

Zur Nachhilfe nach St. Petersburg

VonMarkus Heffner (Handelsblatt)

Rainhard Mirmseker ist dieser Tage ein gefragter Mann in Oberstdorf. Der neue Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU) kann im Bundesleistungszentrum oder auch im Athleten-Hotel kaum einen Schritt tun, ohne ständig befragt zu werden. Meist geht es bei den Gesprächen mit Sportlern, Funktionären oder Medienvertretern um die Zukunft der DEU.

OBERSTDORF. Wie mit der Krise umgehen? Kurz vor den Deutschen Meisterschaften, die heute beginnen, antwortet Mirmseker: "Wir werden künftig bedingungslos auf das Leistungsprinzip setzen. Tralala haben wir lange genug gemacht."

Einschneidende Änderungen soll es vor allem im Trainerbereich geben. "Bei vielen mangelt es an Engagement und Durchsetzungskraft. Das sehen wir als Hauptproblem. Wir brauchen hochkarätige Trainer, die ihre Athleten motivieren und nach vorne bringen können", sagt Mirmseker.

Einer, der das zu seinen besten Zeiten meist geschafft hat, ist Karel Fajfr. Vor etwa drei Wochen verpflichtete die zweifache Deutsche Meisterin Susanne Stadlmüller den einstigen Startrainer. Der hatte 1995 für den größten Skandal in der Geschichte der DEU gesorgt: der Tscheche wurde vom Stuttgarter Amtsgericht wegen "Körperverletzung und sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen" zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung, 25 000 Mark Geldbuße sowie drei Jahren Berufsverbot verurteilt. Nach dreimonatiger Verhandlung ließ Fajfr eine Erklärung verlesen: er wolle nie mehr als Eislauftrainer arbeiten.

Dass er nach siebenjähriger Pause doch wieder an der Bande steht, zeigt, wie ernst die Lage für ihn, die Sportlerin und den Verband sein muss. Den Segen des neuen Präsidenten hat Fajfr jedenfalls. "Die DEU hat nicht das Recht, einen Trainer mit einem lebenslangen Berufsverbot zu belegen", sagt Mirmseker, der sich sogar vorstellen könnte, Fajfr als Stützpunkttrainer anzustellen: "Seine fachlichen Qualitäten sind ja hinlänglich bekannt."

Die Not ist groß, das Niveau jämmerlich - die Maßnahmen daher von besonderer Natur. So erinnert sich die DEU plötzlich auch wieder seiner einst vergraulten Stars. Norbert Schramm etwa, Europameister von 1982 und 1983, hält seit einiger Zeit Lehrgänge für Kaderathleten. Und auch die lange verschmähte Trainerin Jutta Müller, inzwischen stolze 72, betreut mit Stefan Lindemann wieder einen DEU-Athleten. Ihre einstige Musterschülerin, die zweifache Olympiasiegerin Katarina Witt, soll ebenfalls in irgendeiner Form eingebunden werden. Geplant ist auch, die Zusammenarbeit mit internationalen Top-Kräften zu forcieren. Deutsche Läufer sollen zum Beispiel ins Trainingslager nach St. Petersburg geschickt werden. Es soll Lehrgänge mit Größen aus der Szene. Oder, noch besser, so Mirmseker: "Wir wollen uns eine Koryphäe ins Haus zu holen." Gedacht ist an die Trainerlegende Tatjana Tarasowa oder Tamara Moskwina, die das neue DEU-Paar Mikkeline Kierk- gaard/Norman Jeschke betreuen soll.

Ein Modell, das die DEU als richtungweisend für eine bessere Zukunft propagiert. Den Anfang machten Eva-Maria Fitze und Rico Rex. Seit einem Jahr werden die zweifache Deutsche Meisterin aus München und der Chemnitzer vom Paarlaufweltmeister Ingo Steuer trainiert. Und mit der Dänin Mikkeline Kierkgaard, die in Oberstdorf wegen einer Virusinfektion fehlt, wurde bereits die nächste Einzelläuferin für den Paarlauf gewonnen, weitere sollen folgen. "Wir müssen in allen Bereichen flexibler werden, sonst ist der Ofen bald ganz aus", sagt Mirmseker, einst selbst Läufer in der DDR und seit 20 Jahren Preisrichter.

Nach dem Desaster in der olympischen Saison 2002 stehen der DEU künftig weit weniger Bundesmittel zur Verfügung. Als erste Konsequenz hat der Verband daher seine Trainerfinanzierung umgestellt. Das neue Prinzip: keine Leistung, kein Geld. Statt eines Grundgehalts wird nun nur noch nach einem platzierungsabhängigen Prämiensystem gezahlt. Jeder Prämienpunkt ist rund 1 530 Euro wert. Für eine WM- Medaille gibt es zehn Punkte, für einen deutschen Meistertitel zwei.

Neben den nationalen Meistertiteln geht es in Oberstdorf auch um die Tickets zur EM in Malmö. Und im ersten Winter nach Olympia werden im Eiskunstlaufen traditionell die Hierarchien neu gemischt. "Das ist der richtige Zeitpunkt, um Aufbruchstimmung zu verbreiten", sagt Mirmseker, der hauptberuflich Unterhaltungschef beim Mitteldeutschen Rundfunk ist. Da hat er es im Zweifelsfall leichter, die Zuschauer bei Laune zu halten. Beim Eiskunstlaufen ist das hier zu Lande derzeit kaum möglich.

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