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23.01.2002

19:00 Uhr

Die Enron-Pleite verändert Amerika

Kommentar: Nabelschau

VonTorsten Riecke

Im US-Kongress beginnen die Untersuchungen zur größten Pleite in der amerikanischen Geschichte: Enron. Der atemberaubende Untergang des weltgrößten Energiehändlers hat Amerika wachgerüttelt. Die Volksvertreter werden Schuldige und Zeugen ins Kreuzverhör nehmen, um alle Einzelheiten des Desasters ans Tageslicht zu bringen.

Die Dimension der Pleite, obwohl bislang nur vage zu erkennen, hat die Vorstellungskraft vieler Abgeordneter längst überschritten. Wie ein ins Wasser geworfener Stein, dessen Wellen immer größere Kreise ziehen, erfasst das Debakel fast täglich neue Bereiche des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Enron wird "Corporate America" vermutlich stärker verändern als die Attacken vom 11. September.

Erschüttert wurde zunächst das Vertrauen vieler Investoren in das Frühwarnsystem des amerikanischen Kapitalismus. Wenn ein Großkonzern wie Enron nahezu unbemerkt von Aufsichtsbehörden, Analysten und der Presse innerhalb weniger Wochen Pleite gehen kann, wie sicher sind dann die Investments in Unternehmen wie General Electric, Coca-Cola oder IBM? Wie schnell dieser Vertrauensverlust um sich greift, zeigt das Beispiel des Mischkonzerns Tyco. Das Unternehmen kündigte diese Woche völlig überraschend seine Aufspaltung in vier Einzelteile an, nachdem die wachsende Kritik von Anlegern an der mangelnden Transparenz von Tyco den Aktienkurs auf Talfahrt geschickt hatte.

Auch der zahlungsunfähige Einzelhändler Kmart hat unter der Enron-Schockwelle gelitten. Am Bondmarkt und von den Lieferanten werden jetzt höhere Risikoaufschläge verlangt. Beides hat die Finanzierungskosten für Kmart erhöht und seine Liquidität gemindert. Gesunkenes Vertrauen in die Firmenbilanzen und höhere Risikoprämien werden noch lange ein Ballast für die Aktien- und Anleihemärkte sein. Zumal die Ratingagenturen die Anforderungen für die Kreditwürdigkeit von Unternehmen deutlich verschärfen wollen. Auch dies wird die Liquidität auf den Kapitalmärkten zumindest kurzfristig verringern.

Unmittelbare Folgen haben die Bilanztricks der Enron-Manager für die gesamte Branche der Wirtschaftsprüfer. Alle Finger zeigen jetzt zwar auf die Agentur Arthur Andersen, die offensichtlich mit geschlossenen Augen die Bücher von Enron geprüft hat. Die offenbar gewordenen Interessenkonflikte zwischen der Prüfungsaufgabe und dem Beratungsgeschäft betreffen jedoch das gesamte Gewerbe. Die Aufsicht über die Wirtschaftsprüfer muss neu geregelt werden. Wer die Bilanzen prüft, kann nicht gleichzeitig der Unternehmensberater sein. Zudem sollten die Unternehmen verpflichtet werden, das Prüfmandat nach spätestens fünf Jahren neu zu vergeben. Eine allzu enge Verbindung zwischen Prüfern und Firmen kann so vermieden werden. Damit alleine ist es jedoch nicht getan. Auch die US-Bilanzierungsregeln "Generally Accepted Accounting Principles" (GAAP) sind reformbedürftig. Dass es Enron gelungen ist, auch auf ganz legalem Wege seine wirtschaftliche Lage zu verschleiern, ist ein Armutszeugnis für die GAAP.

Neben dem Großreinemachen in der Wirtschaft müssen die Politiker in Washington auch die politische Arena säubern. Wenn es noch eines Belegs für die Notwendigkeit einer Erneuerung der Parteienfinanzierung bedurfte, Enron hat ihn geliefert. Auch wenn bislang keinem Politiker ein Verschulden nachgewiesen wurde - allein die Tatsache, dass Präsident Bush, zahlreiche Minister und der halbe Kongress von Enrons Wahlkampfspenden profitierten, ist ein Makel der politischen Kultur in Amerika.

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