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06.01.2003

08:36 Uhr

Die erstaunlichen Karrieren der Herren Ochner, Kabel, David und Heyde

Um Stars des Neuen Marktes ist es still geworden

VonH.-E. Feislachen und C. Schnell

Sie waren die Großen einer nur kurzen Epoche und bewegten Millionen. Wenn der Neue Markt endgültig geschlossen wird, ist von den einstigen Stars des Wachstumssegments längst keiner mehr dabei. Nur der frühere "Börsenmanager" Reto Francioni ist noch im Geschäft - inzwischen in seiner Heimat, der Schweiz.

FRANKFURT/M. Vermutlich wusste Reto Francioni am 10. März 1997 nicht, was er mit diesem Satz auslösen würde. "Ein deutscher Emittent kann nirgendwo auf der Welt zu günstigeren Bedingungen Eigenkapital aufnehmen als am Neuen Markt" sagte das zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Börse beim Start des Wachstumssegments für junge, innovative Unternehmen. Dass der Schweizer damit gerade in den Jahren 1999 und 2000 eine wahre Emissionsflut lostrat und sich Unternehmen aus der ganzen Welt dort listen ließen, hatte er sicher nicht erwartet.

Viele der einst bedeutenden Namen sind inzwischen aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nicht so Reto Francioni. Der Schweizer ist seinem Metier Börse treu geblieben. Nach seinem Abschied von der Deutschen Börse, wo er von 1997 bis April 2000 für das neue Marktsegment verantwortlich war, wechselte Francioni zunächst für zwei Jahre in den Vorstand des Discountbrokers Consors. Seit Februar vergangenen Jahres ist der Schweizer nun wieder "Börsenmanager", diesmal in seiner Heimat. Seine aktuelle Aufgabe ist es, als hauptamtlicher Präsident der Schweizer Börse SWX im Wettbewerb der europäischen Handelsplätze eine gute Ausgangsposition zu sichern. Die Verteidigung der guten Position, die sich die Schweizer Börse im Wettbewerb mit den Handelsplätzen in London, Frankfurt oder Paris erworben hat, ist keine leichte Aufgabe für Reto Francioni.

Eine Trumpfkarte hat er jedoch in der Hand: Die SWX gehörte zu den ersten europäischen Börsen, die auf den elektronischen Handel umstellten. Die Plattform der deutschschweizerischer Derivatebörse Eurex gilt international als fortschrittlich. Dort wird nicht nur der eigentliche Handel elektronisch abgewickelt, sondern auch die anschließende Verbuchung der Gelder und Aktien. Mit diesem Pfund will Francioni künftig wuchern. Die Londoner Virt-X geht gerade in den Vollbesitz der Schweizer Börse über. Francionis große Herausforderungen ist es künftig, neben den Schweizer Blue-Chips auch im Handel mit anderen europäischen Standardaktien für eine ausreichende Liquidität zu sorgen. Dieses Ziel wurde bisher nicht erreicht.

Um andere einstige Protagonisten des Neuen Marktes ist es dagegen erheblich ruhiger geworden. Zum Beispiel Kurt Ochner: Seit 1996 war er Fondsmanager und anschließend Vorstandsmitglied bei der Julius Bär Kapitalanlage AG. Mit seiner häufig unorthodoxen Art galt er als einer der mächtigsten, wenn nicht gar als der mächtigste Großinvestor am Neuen Markt. Seine beiden Fonds JB MultistockSpecial German Stock Fund und JB Creativ Fund schafften in anderthalb Jahren Zuwächse von rund 500 %. Das Ausmaß seiner Macht wurde allein dadurch deutlich, dass Ochner zu besten Zeiten bis zu einem Drittel aller umlaufenden EM.TV-Aktien kontrolliert haben soll. Seit er am 2. April 2001 bei Julius Bär mit sofortiger Wirkung wegen "unterschiedlicher strategischer Auffassungen" entlassen wurde, ist es still geworden um den Odenwälder. Inzwischen wird er wieder des öfteren in Frankfurt gesichtet. Bereits im Frühjahr ging der Name Starbitrage AG durch die Presse, mit der Ochner ein Comeback starten will. Er kümmert sich dort als Vorstand um seine verbliebenen Beteiligungen. Wer den Namen Starbitrage jedoch im Telefonbuch oder im Internet sucht, wird nicht fündig. Angeblich versteckt sich Starbitrage hinter der Adresse einer Bürogemeinschaft.

Von einer der schillernsten Persönlichkeiten des Neuen Marktes zum Provinzler, vom Star der Hamburger Society zur persona non grata - so ließe sich der Imagewandel von Peter Kabel beschreiben. Seine 1993 gegründete InternetAgentur Kabel New Media galt als Hoffnungsträger der New Economy. Der heute 39-Jährige wurde zum "Entrepreneur des Jahres 2000" gewählt und war Professor für Gestaltung und Mediendesign an der Fachhochschule Hamburg. Elf Mini-Firmen kaufte Kabel nach dem Börsengang 1999 innerhalb eines Jahres zu horrenden Preisen, die Mitarbeiterzahl wuchs auf über 1 000 an. Im Sommer 2001 stellte Kabel New Media den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Im vergangenen Februar wurde fast das gesamte Büromobiliar versteigert.

Um Peter Kabel braucht man sich indes keine Sorgen zu machen: Aktien im Wert von rund 50 Mill. Euro soll er in der Hype-Phase des Neuen Marktes verkauft haben, was ihm seinerzeit Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft wegen verbotenen Insiderhandels einbrachte. In der feinen Hamburger Gesellschaft, wo er zu Zeiten des Börsengangs im Jahr 1999 ein- und ausging, wurde er schon lange nicht mehr gesehen. "Die Leute hier lassen es jemand sehr deutlich spüren, wenn sie sich von ihm betrogen fühlen", drückt es einer aus, der sich in der Szene auskennt. Kabel lässt sich seitdem nur noch selten in der Hansestadt blicken. Schon nach dem Zusammenbruch von Kabel New Media hatte er sich auf einen Bauernhof in Mecklenburg zurückgezogen. Aus den schon seit über einem Jahr kursierenden Plänen, er wolle im 551-Seelen-Ort Lassahn am Schaalsee ein Nobelrestaurant eröffnen, ist bis heute nichts geworden. "Davon ist uns nichts bekannt", heißt es bei der zuständigen Gemeinde Zarrentin. Peter Kabel? Im Rathaus von Zarrentin kennt jedenfalls niemand seinen Namen.

Auch von Daniel David, Gründer des Internet-Dienstleisters Gigabell, hört man nichts mehr. Er erlangte unrühmliche Bekanntheit, denn Gigabell war im September 2000 das erste insolvente Unternehmen am Neuen Markt. Daniel David heißt mit bürgerlichem Name eigentlich Rudolf Zawrel, er behielt seinen Künstlernamen jedoch auch nach seiner mäßig erfolgreichen Laufbahn als Schlagersänger ("Zieh dir nicht die Jacke an, wenn sie dir zu groß ist"). Seine Schlagerkarriere beendete er 1989 und wurde Unternehmer: Vor Gigabell hatte David schon zwei Firmen in den Konkurs getrieben. Heute hat sich die Spur des 51-Jährigen verloren. Bekannt ist lediglich, dass er auch bei der Anlage seines Privatvermögen kein glückliches Händchen hatte. Ein Teil davon setzte er auf die Aktien des mittlerweile ebenfalls insolventen Luftschiffbauers Cargolifter.

Im Gegensatz zu David ist Dieter Heyde, einst Chef des gleichnamigen IT-Dienstleisters, weiterhin in seiner alten Branche aktiv. Nachdem das Bad Nauheimer Unternehmen im April 2002 den Gang zum Insolvenzrichter antreten musste, ging im Juni der Kernbereich Integrierte Logistikberatung und-umsetzung an die Würzburger Salt AG. Dieter Heyde ist seither Geschäftsführer eines 30-köpfigen Teams, das in Dresden und in München sitzt. Zurück zu den Wurzeln heißt es damit für ihn, stellte doch die Logistik-Beratung den Kernbereich der einstigen Heyde dar. Beruflich scheint Heyde wieder Fuß gefasst zu haben. In und um Bad Nauheim ist der Name Dieter Heyde allerdings für viele Bürger noch immer ein rotes Tuch - zu viele hatten ihre Ersparnisse in die Aktien des vermeintlichen Visionärs gesteckt.

Vom Liebling der Aktionäre zum Prügelknaben: Mit diesem Imagewandel müssen viele der einstigen Stars des Neuen Marktes leben. Wer den Anlegern einmal viel Geld gekostet hat, dessen Ruf ist wohl auf ewig ruiniert.

Quelle: Handelsblatt

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