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07.01.2002

19:00 Uhr

Die frühere Weltranglistenerste Martina Hingis kehrt in Sydney in die Tennisszene zurück

Comeback ohne Muskelpakete

VonJÖRG ALLMEROTH (Sydney)

In den vergangenen Tagen engagierte sich Martina Hingis noch für die Opfer der verheerenden Buschbrände in Australien, doch ab heute muss sie sich wieder ganz auf ihren Job konzentrieren. Denn ein Sieg beim WTA-Turnier in Sydney könnte ein glänzendes Comeback einleiten.

Martina Hingis ist wieder da. Foto: dpa

Martina Hingis ist wieder da. Foto: dpa

Den sportlichen Respekt muss sie sich erst noch verdienen. Aber die ersten Sympathiepunkte bei den "Sydneysidern" hat Martina Hingis lange vor dem ersten Ballwechsel draußen auf dem Olympiagelände gesammelt - mit ihrem Engagement für die Opfer der verheerenden Buschfeuer in den Blue Mountains. Die Schweizerin spielte bei einem Wohltätigkeitsturnier mit und trommelte tagelang für eine Spendenaktion. Schon seit dem 30. Dezember ist die ehemals beste Tennisspielerin der Welt nun in Sydney, und obwohl sie sich mit aller Kraft auf ihr viel beachtetes Comeback auf dem Centre Court konzentrieren musste, ging ihr nie das Feuer aus dem Sinn, das nun schon seit mehr als drei Wochen die größte australische Stadt und ihre Bewohner bedroht: "Den Rauch hast du manchmal den ganzen Tag lang riechen können", sagt Hingis, "er lag wie ein Schleier über der Stadt." Da sei es schwer gewesen, an Tennis zu denken.

Ab heute muss sich die ehemalige Führungskraft des Damentennis aber wieder ganz auf ihren Job konzentrieren und beim WTA-Turnier in Sydney einen möglichst guten Start nach dreimonatiger Verletzungspause hinlegen. Seit ihrem dreifachen Bänderriss beim Filderstädter Jubiläumswettbewerb hatte die Schweizerin tatenlos zusehen müssen, wie sich auch in der Weltrangliste allmählich niederschlug, was schon vor dem Verletzungsmalheur bei den Topwettbewerben offensichtlich geworden war: Ein schleichender Abstieg vom Gipfel und ein Ende früherer Dominanz. Als Nummer vier der Weltrangliste will Hingis, die über Jahre die verfolgte und bedrängte Favoritin spielte, jetzt in der Rolle der beschwingten, von allem Druck befreiten Jägerin auftrumpfen: "Die Erwartungen sind deutlich niedriger als zuvor", sagt sie, "das ist mein großer Vorteil."

In Sydney wartet die härteste Konkurrenz auf Hingis

In Sydney bekommt es die "Primadonna des Tennis", so der "Sun-Herald", freilich mit härtester Konkurrenz zu tun. Um ihren Titel auf der olympischen Anlage an der Homebush Bay zu verteidigen, muss die 21-Jährige schon namhafte Gegnerinnen wie Jennifer Capriati, Kim Clijsters, Justine Henin oder Serena Williams abservieren. Nach einem wochenlangen Übungsprogramm mit vielen Kraftraum-Sitzungen und Höhentraining in den Bergen ("Die Wege waren so steil, dass ich oft nur noch gehen konnte.") fühlt sich die fünfmalige Grand-Slam-Siegerin zwar physisch gerüstet für alle denkbaren Herausforderungen, doch wo sie nun genau steht nach der ersten schweren Verletzung in ihrer Karriere, darüber ist Hingis sich selbst nicht ganz im Klaren: "Auch ich werde es erst nach den ersten Ballwechseln und dem ersten Spiel wissen", erklärt sie.

Der schwer wiegende Ausrutscher von Filderstadt fiel im Herbst in eine ohnehin kritische Karrierephase, denn schon vorher war die ehemalige Nummer eins bei den Spitzenturnieren regelmäßig von den Spielerinnen mit mächtigem Powerplay überrumpelt worden. Wichtige Matches gingen allerdings nicht nur gegen die Williams-Schwestern, Jennifer Capriati oder Lindsay Davenport verloren, sondern auch gegen jüngere Rivalinnen wie Kim Clijsters, Justine Henin und Elena Dementiewa. Für den größten Frust dürften aber zuvor selten erlebte Ausrutscher gegen Veteraninnen wie Arantxa Sanchez-Vicario oder Monica Seles gesorgt haben. Eine zusätzliche Rückenverletzung beschwor zudem eine Erstrunden-Pleite in Wimbledon gegen die Spanierin Virginia Ruano-Pascal herauf. "Es war wirklich kein leichtes Jahr für mich", meint Hingis rückblickend.

Konzentration auf das Wesentliche

Die durchlittene Bänderverletzung könnte die frühere Klassenbeste jetzt unfreiwillig näher an ihre Rivalinnen aus dem Williams-Clan heranführen - zumindest was die Strategie angeht. Um bei den wirklich wichtigen Grand Slams punktgenau fit zu sein, hat das Schwestern-Duo schon jahrelang seine Engagements im regulären Tennisbetrieb auf ein Minimum beschränkt und sich nicht viel um Ranglistenplätze geschert. Für Hingis, die sich bisher in einem Mammutprogramm verzettelte, um Platz eins zu verteidigen, könnte das ein Fingerzeig für die Zukunft sein: "Das Problem ist nur, dass ich lieber viel spiele als trainiere", sagt die 21-Jährige. Trotzdem mache sie sich Gedanken, "wie ich meine Kräfte besser einteilen und einsetzen kann." Beim Kampf gegen die Größeren und Stärkeren will sich die zierliche, nur 170 Zentimeter große Athletin auch in Zukunft nicht verbiegen: "Ich habe nicht vor, mir irgendwelche Muskelpakete anzutrainieren", so Hingis, "das ist nichts für mich." Mit Raffinesse, Eleganz und einem "Schuss mehr Dynamik" will sie ihre heikle Comeback-Mission angehen. An Selbstvertrauen mangelt es ihr dabei nicht: "Ich habe noch viel Gutes vor mir."

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