Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.06.2000

21:00 Uhr

Die Geburt der Europa Inc.

Old und New Economy wachsen zusammen

VonTERENCE ROTH

Gleich mehrere Revolutionen erschüttern gegenwärtig die europäischen Unternehmen. Die Auflösung staatlicher Monopole verschärft und internationalisiert den Wettbewerb auf den Telekommunikations- und Energiemärkten. Die Informations-Technologie macht den Zugang zu den Märkten schneller, billiger und weltumspannend. Das Kapital und die Arbeitsplätze wandern überall dorthin, wo sich ihnen die besten Rahmenbedingungen bieten.

Die Welt wird kleiner - und die Unternehmen werden größer. Einige Giganten der "Old Economy" erfinden sich selbst als Technologie-Unternehmen völlig neu. Andere Konzerne aber verschwinden im Strudel der Fusionen und Übernahmen. Viele Firmennamen in unserem diesjährigen Ranking scheinen uns noch vertraut oder höchstens ein bisschen verändert - und doch sind die Unternehmen nicht mehr dieselben wie früher: Daimler-Chrysler, BP Amoco und Axa sind Beispiele für Traditionskonzerne, die ihren Platz auf den obersten Rängen nur durch Zusammenschlüsse mit anderen Unternehmen sichern konnten.

Unternehmen reagieren auf die neue Aktienkultur

Die Verwerfungen in der europäischen Unternehmenslandschaft gehen aber tiefer. Eine neue Aktienkultur zwingt die Unternehmen dazu, mehr an sich zu verändern als Namen und Produktpaletten. Die Aktienmärkte haben sich in atemberaubendem Tempo gewandelt. Die alten nationalen Börsen entdecken den elektronischen Handel und werden zu europäischen Handelsplätzen. Pläne für eine europäische Mega-Börse entlang der Achse London-Frankfurt stehen kurz vor der Vollendung. Da das Kapital per Mausklick in Sekundenschnelle um die Welt jagt, kämpfen die europäischen Unternehmen heute mit den gleichen Waffen wie ihre US-Konkurrenten um internationales Kapital zur Finanzierung ihres Wachstums. Eine Allianz zwischen den europäischen Börsen, der New York Stock Exchange und der Nasdaq würde diese Aktienkapital-Revolution in Europa noch weiter treiben. Die europäischen Anleger haben Sparbuch und Staatsanleihen den Laufpass gegeben und die Aktie für sich entdeckt. Vor allem die erfolgreichen Börsengänge ehemaliger Staatsunternehmen - allen voran der ehemaligen Telekom-Monopolisten - haben den europäischen Börsen Haussen beschert. Da die Menschen in Europa immer älter werden und ihr Vertrauen in die staatlichen Rentensysteme schwindet, legen sie ihr Geld immer stärker in Investment- und Pensionsfonds an, um privat vorzusorgen. Von April 1999 bis Ende März 2000 steckten Privatanleger über 130 Mrd. $ in Aktienfonds, wie die amerikanische Investmentbank Salomon Smith Barney ermittelte. Vier Jahre zuvor flossen lediglich 20 Mrd. $ in derartige Fonds. Angesichts der enormen Kursgewinne, die sich mit Aktienfonds erzielen ließen, begeistern sich sogar die aktienscheuen Deutschen für die Börse. Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Aktionäre in Deutschland um 500000 auf fünf Millionen - und sie steigt weiter. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Unternehmen sind gewaltig: Das Versprechen, die Interessen der Aktionäre ("Shareholder Value") zu wahren, war lange ein Lippenbekenntnis für europäische Vorstände. Heute wird damit Ernst gemacht. Die Eigenkapitalrendite europäischer Unternehmen liegt in diesem Jahr bei durchschnittlich 14% und damit 1,3 Prozentpunkte höher als 1997, wie die HSBC Investmentbank errechnete. Diesen Fortschritt führen die Analysten maßgeblich auf die Restrukturierung der Unternehmen sowie die Fusionen zurück.

Neue Technologien fördern den Wandel

Mit dem Aufbrechen alter und der Schaffung neuer Strukturen sind freilich an anderen Stellen wieder neue Ungleichgewichte entstanden. Die Technologie- und Medienaktien vereinigten zum Ende des zweiten Quartals 2000 ein Drittel der Marktkapitalisierung der europäischen Aktienmärkte auf sich, obwohl sie nur 12% der Gewinne erwirtschafteten. Bevor es zu der jüngsten Kurskorrektur an den Weltbörsen kam, waren die Aktien der Technologie- und Medienunternehmen nach Meinung von Branchenexperten um nicht weniger als 40% überbewertet. Die junge Aktienkultur in Europa könnte daher einige Rückschläge erleiden - vor allem, wenn sich die frühsommerliche Kurskorrektur zu einer länger anhaltenden Baisse entwickeln sollte. Verschwinden wird die neue Aktienkultur jedoch nicht wieder. Die Führungskräfte in den Unternehmen bekommen deshalb immer stärkeren Druck zu spüren. Mit der Auflösung der industriellen Beteiligungen und Verflechtungen lösen sich alte Seilschaften auf. Vorstandschefs stehen unterer scharfer Beobachtung durch die Aufsichtsräte, die Aktionäre pochen auf ihre Renditen. An der französischen Insead-Business-School hat man einen Anstieg des "Angst-Pegels" in den Vorstandsetagen ausgemacht. "Die Unternehmenslenker erkennen, dass der alte Führungsstil zu schwerfällig ist, um schnell Entscheidungen zu treffen", so Insead-Professor Manfred Kets de Vries. "Genau davon aber hängt auf dem Schlachtfeld der Fusionen und Übernahmen das Überleben ab." Über 13400 Fusionen und Übernahmen mit einem Gesamtvolumen von rund 1,2Bil. $ gab es 1999 in Europa - ein Drittel mehr als im Jahr zuvor und dreimal so viele wie 1990, wie Thomson Financial Securities Data ermittelte. Auch in diesem Jahr lässt die Konsolidierungswelle nicht nach. Und der Anteil der "feindlichen" Übernahmen wächst.

Der erfolgreiche Übernahmekampf, den die britische Vodafone Airtouch gegen die deutsche Mannesmann AG führte, gilt inzwischen als Wendepunkt in der Entwicklung der neuen Unternehmenskultur in Europa: Anstatt den Weg durch die Vorzimmer der Mannesmann-Vorstände zu gehen, wandte Vodafone sich direkt und offensiv an die Aktionäre. Ein Emporkömmling der "New Economy" schluckte ein Traditionsunternehmen. Die deutschen Industriemagnaten und Banken versuchten nicht, die Übernahme zu verhindern. Im alten System wäre das geradezu eine Frage der Ehre gewesen. Statt dessen sprach der Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer nach der Mannesmann-Übernahme vom Ende der alten "Deutschland AG". Doch vielleicht sollte man besser sagen: Dies war die Geburt der neuen "Europa Inc."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×