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19.05.2000

16:49 Uhr

Die Green-Card-Debatte als Wink mit dem Zaunpfahl

Haben Sie Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bereits ausgelotet?

VonBernd Andersch

Die Wirtschaftswelt befindet sich in einem entscheidenden Umbruch. Schneller, technologischer, globaler und Rendite orientierter schlägt der neue Takt. Zudem hellt sich der Konjunkturhimmel auf, wozu der wackelige Euro seinen Teil beisteuert. Vielerorts haben sich die Unternehmen bereits neu aufgestellt, um beim Ausschöpfen der grenzenlosen Märkte an vorderster Front mitzumischen.

Was die Unternehmen vormachen, animiert dazu, die eigene Karriereplanung auf den Prüfstand zu stellen. Haben Sie Ihre Chancen in der neuen Wirtschaftswelt bereits ausgelotet? Die Verbesserungsmöglichkeiten scheinen hervorragend. Dankenswerterweise hat uns die Regierung mit der Green-Card-Debatte den Wink mit dem Zaunpfahl gegeben.

Offensichtlich gibt es eine Masse vakanter Stellen, die mindestens 100 000 Mark Jahreseinkommen bescheren - und das nicht nur für IT-Spezialisten. Im Verlaufe der Diskussion forderten Arbeitgeber, die Green Card auch für andere Berufsgruppen. Und welche Schlüsse können Sie daraus für die eigene Karriereplanung ziehen?

Karrierepläne der Vergangenheit stellten Überlebensstrategien in den Mittelpunkt. Viel Energie wurde aufgewendet, den eigenen Arbeitsplatz abzusichern. Moderate Karriereambitionen und vorsichtiges Agieren kennzeichneten das Verhalten vieler Arbeitnehmer. Zielführende Stellenwechsel ergaben sich teilweise erst nach generalstabsmäßiger Vorbereitung, um das Wechselrisiko zu minimieren. Viel Geld und noch mehr Zeit wurde eingesetzt, persönliche Defizite zu erkennen und auszugleichen. Die Auswahl der richtigen Branche und Position erschien ebenso wichtig wie die perfekte Bewerbung, um letztlich erfolgreich zu sein. Wo attraktive Positionen zum Nadelöhr der Karriereüberlegungen werden, ist dieses Verhalten sicherlich richtig. Die sich neu formierende Wirtschaftswelt fordert qualifizierte Fachkräfte und die werden partiell schon heute knapp. Diese Knappheit gefährdet die hochfliegenden Wachstumspläne vieler Unternehmen.

Die richtigen Qualifikationen werden wichtiger als der stromlinienförmige Lebenslauf. Gehören auch Sie zu den Langzeitstudenten, Notengeschädigten, Oldys (über 50), Selfmade-Fachleuten und Freiberuflern, die viel können, denen man in der Vergangenheit aber attraktive Festanstellungen verwehrte? Für Sie brechen bessere Zeiten an. Die deutsche Gründlichkeit bei der Suche nach einem Haar in der Suppe weicht einer toleranteren Interpretation des Lebenslaufes. Zudem dürfte der weiche Euro Einfluss auf die Art und Weise von Einstellungsprozessen nehmen. Er macht der Exportkonjunktur zwar Beine und hilft so dem Arbeitsmarkt. Er macht es aber auch für Amerikaner und Briten attraktiver, über den Kauf deutscher Unternehmen nachzudenken. Und zum Glück starren englischsprachige Manager und Investoren bei Einstellungen weniger elektrisiert auf die Lebensläufe der Bewerber - verhandlungssicheres Englisch vorausgesetzt.

Die Möglichkeiten des Einzelnen werden durch die Qualifikationen bestimmt. Welche Qualifikationen wichtig sind, gibt die technologische Entwicklung in hohem Tempo vor. Heute gefragte Kenntnisse sind morgen möglicherweise uninteressant. Eher kurz angelegte, intensive Lernphasen müssen zur Aneignung des begehrten Wissens reichen. Dies funktioniert, weil viele Arbeitsprozesse stark computergestützt ablaufen. So wurde es möglich, den promovierten Landwirt mit betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen nach drei Monaten als Unternehmensberater zum Klienten zu schicken. Fach- und Führungskräfte, die frischen Wind brauchen oder nicht mehr gefragt sind, sollten sich angesprochen fühlen. Sie können in überschaubarer Zeit durch geschickte Neuqualifizierung in attraktive Branchen oder Bereiche einsteigen. Auszahlen kann sich für diesen Zweck der temporäre Ausstieg. Mut bewies die ehemalige Managerin eines deutschen Konzerns. Die über 40-Jährige kündigte, ging in die USA, lernte dort ein halbes Jahr E-Commerce und ist heute in Deutschland gefragt wie nie zuvor.

Prüfen Sie jetzt kritisch Ihr Einkommen. Werden Sie marktgerecht entlohnt? Gerade Fach- und Führungskräfte mit langen Verweilzeiten bei Arbeitgebern oder in schwachen Branchen bleiben oft weit hinter den möglichen Gehältern zurück. Wenn Sie unterbezahlt sind und Ihr Einkommen entscheidend verbessern wollen, sollten Sie langsam Ihre Gehaltswünsche beim Vorgesetzten anmelden. Das Mögliche kann in letzter Konsequenz durch einen Unternehmenswechsel realisiert werden, zumindest wenn Sie gefragte Qualifikationen besitzen.

Fazit: Wer sich beruflich verändern möchte, sollte die Gunst der Stunde nutzen und den Arbeitsmarkt testen. Das gilt insbesondere für Fach- und Führungskräfte, denen in der Vergangenheit das Wechselrisiko zu hoch war. Auch Bewerber mit nicht ganz stromlinienförmigen Lebensläufen sind zur Aktivität aufgerufen. Fachleute mit einem Jahreseinkommen von unter 100 000 Mark sollten die Green- Card-Diskussion nicht vergessen und für eine rasche Gehaltsaufbesserung sorgen. Wem die Prognose für den Augenblick optimistisch erscheint, sollte den Arbeitsmarkt zumindest auf mittlere Sicht nicht aus den Augen lassen. Dann brechen die guten Zeiten eben etwas später an!



Der Autor ist Karrierecoach und Inhaber von act! Andersch Consulting & Training in Aachen

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