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07.07.2000

19:53 Uhr

Die Hochglanzschau hat wenig zu tun mit dem Alltag vieler Mitarbeiter auf der Weltausstellung

Märchenland der neuen Arbeitswelt - Expo-Show über die "Zukunft der Arbeit"

VonHelmut Hauschild

Die Tänzer im Themenpark wehren sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen, die Zeitarbeitsfirma Adecco hat massenweise Leute entlassen, und gegen einen Gastronomen ermittelt der Staatsanwalt wegen Wucher. Hinter der Hochglanzschau der Expo verbirgt sich manch mieser Job.

HANNOVER. Durch Halle 4 hämmert der Beat von John Adams. Die Bretter der Gerüste an der Hallenwand krachen unter den Sprüngen von 30 Tänzern in Anzug und Blaumann. "Beeing a clerk is a job" - Büroarbeit ist ein Beruf, klären riesige Videoleinwände die Zuschauer auf, das lustige Arbeitsleben in dem dazugehörigen Film hätte auch Charlie Chaplin gefallen. Positiv soll die "Zukunft der Arbeit" im Expo-Themenpark sein. Genörgelt wird an der Weltausstellung schließlich genug, meinen ihre Macher.

"Wenn das die Zukunft der Arbeit ist, dann gnade uns Gott"

Zum Beispiel von Inez Kühn. Sie kümmert sich um die Gegenwart der Arbeit, um das, was die Besucher in Halle 4 nur zufällig sehen, wenn sie durch den Gitterboden der abgedunkelten Wartezone vor dem Tanztheater nach unten blicken. Mit Biertischen und Sperrmüll-Sesseln haben sich die Tänzer dort notdürftig einen Aufenthaltsraum eingerichtet. "Wenn das die Zukunft der Arbeit ist, dann gnade uns Gott" sagt Kühn. Noch nie habe sie Künstler so sehr an ihrer Leidensgrenze erlebt wie hier auf der Expo. Das will was heißen, denn die 44-Jährige hat im Laufe ihres Berufslebens schon einiges gesehen. Bei der IG Medien, der Gewerkschaft der Künstler, ist sie stellvertretende Landesvorsitzende von Niedersachsen.

Die 85 Tänzer, die in Halle 4 eine verlockend schöne Zukunft der Arbeit darstellen, sind von ihrem eigenen Job frustriert. Sie klagen über fehlende Trainingsmöglichkeiten und schlechte Bezahlung, über zu viele Auftritte am Tag und einen extrem hohen Krankenstand. Eine Tänzerin erzählt, sie mache am Tag fünf Shows, die jeweils rund eine Stunde dauerten. Hinzu kämen die Proben. "Sehr hart" sei das, sagt die 19-Jährige, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. An den Wänden der Wartezone in Halle 4 haben die Ausstellungsmacher eine riesige Zeitachse angebracht. In griffigen Formeln lesen dort die Besucher vom Wandel der Arbeitsformen seit der Steinzeit, die Zukunft jenseits des Jahres 2000 ist voller Fragen. "Konkurrenz oder neue Kultur der Solidarität?" steht da zum Beispiel, und als wollten die Tänzer ein Zeichen setzen, sind sie seit Expo-Beginn fast alle Mitglied bei der IG Medien geworden.

"So einen Zulauf hatten wir schon lange nicht mehr", sagt Inez Kühn unüberhörbar zufriedenen. Offensichtlich werden Gewerkschaften entgegen aller Kritik noch immer gebraucht. Die Vertreterin der IG Medien will nun mit der zuständigen Künstleragentur de Otter & de Vries aus Holland einen Tarifvertrag auszuhandeln. "Da findet gerade eine Reality-Show über die Kehrseite der künftigen Arbeitswelt statt", sagt sie.

Die Gewerkschaften sind Sponsor

Am Ausgang von Halle 4 hat Kühns Arbeitgeber, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Hochglanzversion der Zukunft aufgebaut. Die Besucher können an Computern durch eine Welt sozialer Sicherheit und respektierter Arbeitnehmerrechte surfen. Die Gewerkschaften sind einer von sechs Sponsoren der 20 Mill. DM teuren Ausstellung zum Thema Arbeit. Verständlich, dass sie da nicht nur Miesmacher sein wollen. Auf der nach oben offenen Schönfärbeskala weit übertroffen wird der DGB-Beitrag freilich von Sponsor Adecco. Auf Videos in Endlosschleife lässt die Zeitarbeitsfirma Schauspieler ihre fiktiven Lebensgeschichten erzählen. Ob Auslandsjobber, Arbeitsloser oder Querdenker, sie alle sind "eingestiegen und durchgestartet" im Märchenland der Zeitarbeit.

Die Realität ist hässlicher. 9 500 Mitarbeiter hat Adecco für die Weltausstellung angeworben. Doch weil bisher die Besucher ausbleiben, wurde etwa 2 200 von ihnen schon wieder gekündigt oder sie konnten ihren Job erst gar nicht antreten.

"Zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Adecco klafft eine riesige Lücke", ärgert sich Peter Fischer. Der 58-Jährige ist Vorsitzender des Expo-Betriebsrats der Zeitarbeitsfirma und weiß so manch traurige Geschichte zu erzählen: Von gekündigten Expo-Zeitarbeitern, die sich eigens eine Unterkunft in Hannover gesucht hätten und nun auf den Mietkosten säßen. Von Leuten, die nach langer Arbeitslosigkeit ihre Hoffnung in den Expo-Job gesetzt hätten und jetzt enttäuscht schon wieder auf der Straße stünden. Die Botschaft der Zeitarbeitsfirma im Themenpark empfindet Fischer deshalb als Zumutung. Und überhaupt - die Expo: "Ich sehe, dass sie schön ist, aber wenn man täglich miterleben muss, unter welchen Bedingungen die Leute hier zum Teil arbeiten, verliert man die Lust", sagt er.

Dabei hatte für die Gewerkschaften alles so gut begonnen. Erstmals war es ihnen im Zuge der Expo gelungen, mit einem Zeitarbeitsunternehmen einen Tarifvertrag abzuschließen, der Löhne, Arbeitszeiten und sogar die Einrichtung eines Betriebsrats regelt. Anerkennend lobt Fischer, "dass Adecco sich das getraut hat". Gegen großen Widerstand in der Branche, wie er sagt. Und wenn man ihn nach dem Schuldigen für die Entlassungen fragt, dann fällt ihm zuerst die Expo-Gesellschaft mit ihren viel zu hohen Besucherprognosen ein.

Wer Fischer und seine fünf Betriebsratskollegen besuchen will, muss an den Rand des Messegeländes zu Halle 19 gehen. "Karstadt Funsport Halle" steht auf den Wegweisern. Dort angekommen, mag man die Berichte über einen drohenden Expo-Flop kaum glauben. Hier tobt sich die Spaßgesellschaft in Hundertschaften bei Breakdance, Beachvolleyball und Rollerblading aus. Über 20 Jahre alt sind nur die verzweifelten Lehrer, die längst die Kontrolle über ihre Klassen verloren haben.

Staatsanwälte ermitteln gegen Gastronomiebetrieb

Gegen Halfpipe und Mountainbike-Parcours hat die "Zukunft der Arbeit" im Expo-Themenpark den Aufmerksamkeitswettlauf haushoch verloren. Und am Rand der tobenden Halle sinniert Betriebsrat Fischer, dass "die jungen Schüler und Studenten bei Adecco" vielleicht für eine neue Arbeitswelt stehen, die mit dem Gewerkschaftsbild von der alten Arbeiterklasse nur noch wenig zu tun hat. "Die Jungen sind viel selbstbewusster", sagt er.

Weit über seine Zuständigkeit hinaus ist der Adecco-Betriebsrat inzwischen Anlaufstelle für bald jeden geworden, der auf der Expo Probleme hat mit seinem Job. Es gäbe "Zustände wie im Mittelalter", klagt Fischer.

Auf der Zeitachse im Themenpark kann man nachlesen, was das bedeutet: "Sklavenarbeit ist soziale Normalität" heißt es da zum Mittelalter, und zumindest im Fall des Restaurantbetreibers Everest LP ist die Realität nur wenig besser. Die Firma, Tochter von The Private Trust Company Ltd. mit Sitz auf den Bahamas, hat viele ihrer rund 140 Arbeitskräfte in Ungarn angeworben. Sie arbeiten nach Aussage von Everest-LP-Geschäftsführer Hermann Reiner an sechs Tagen mindestens neun Stunden. Dafür bekommen sie laut Arbeitsvertrag 1 100 DM brutto pro Monat. Nach Abzügen blieben 870 DM übrig, berichtet ein Betroffener. Doch wehren könne er sich nicht, da seine Aufenthaltserlaubnis an den Job bei Everest-LP gebunden sei.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat gegen Everest LP ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es bestehe der Verdacht auf Wucher sowie nicht entrichteter Steuern und Krankenversicherungsbeiträge.

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