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10.01.2003

16:23 Uhr

Die Hochwasserwelle rollt an

Trügerische Idylle an der Elbe

Die Idylle ist trügerisch an der Elbe im niedersächsischen Amt Neuhaus. Nach mehreren Frostnächten mit Bodennebel und Temperaturen um minus 15 Grad sind mächtige Hofeichen, Schlehensträucher und Weiden in einer stillen Schneelandschaft mit Raureif überpudert. Doch wer in Rassau die Sandsäcke am Deichfuß übersteigt und den steilen Deich aus DDR-Zeiten erklommen hat, dem bietet sich das Bild einer Naturgewalt.

Passagiere und Autos verlassen nach seiner letzten Überfahrt über die Elbe bei Neu-Darchow das Fährschiff. Wegen Hochwasser und zunehmendem Eisgang muss auch die letzte Fährverbindung über die Elbe ihren Betrieb einstellen. Foto: dpa

Passagiere und Autos verlassen nach seiner letzten Überfahrt über die Elbe bei Neu-Darchow das Fährschiff. Wegen Hochwasser und zunehmendem Eisgang muss auch die letzte Fährverbindung über die Elbe ihren Betrieb einstellen. Foto: dpa

HB/dpa AMT NEUHAUS/HITZACKER. Die Elbe ist in diesen Tagen stetig angestiegen und längst die Grasnabe emporgekrochen. Der Fluss hat Eisscheiben ans Ufer gedrückt, in der Strommitte treibt die braune Brühe gurgelnd in beachtlichem Tempo elbabwärts. Anfang kommender Woche soll das Hochwasser hier den Höhepunkt erreichen.

"Es liegt was Unheimliches in der Luft", sagt Erna Rieken. Die 83-Jährige lebt seit Jahrzehnten im ehemaligen Sperrgebiet an der Elbe und macht täglich Kontrollgänge. Neben ihrem Bauernhaus hat sie noch einen Stapel Sandsäcke vom Sommer liegen. "Man weiß ja nie." Seit August wurden die Auen nicht mehr ganz trocken. In Bitter versuchen zwei Biber unter dem Schnee Grünfutter zu finden. Das steigende Wasser versperrt ihnen den Weg in ihre Bauten. An anderen Stellen hocken Nutrias. Sie büxten einst aus einer Pelzzucht der DDR aus und machten sich an der Elbe breit. Blesshühner und Singschwäne, Graugänse und Reiher suchen ebenfalls Schutz im Schatten des Deichs.

Auch die Behörden rüsten sich für den Ernstfall. Es herrsche "gespannte Aufmerksamkeit", sagt der Sprecher der Lüneburger Landkreisverwaltung, Michael Wieske. In Neu-Darchau werde der Pegel voraussichtlich mit 7,05 Meter nur 25 Zentimeter unter der Höhe der Jahrhundertflut im August liegen. Der Normalpegel liegt bei 5,68 Meter. An mehreren Stellen im Amt Neuhaus liegen noch Sandsäcke der August-Flut, berichtet Deichhauptmann Hans Ebeling. Die niedrigsten Stellen des Schutzwalls sind seither erhöht worden. Von Samstag an soll es Deichwachen rund um die Uhr geben. Ob Katastrophenalarm ausgelöst werden muss, war am Freitag noch nicht abzusehen.

Nach bisheriger Einschätzung des Umweltministeriums in Hannover wird die Lage aber auch beim Höchststand in der kommenden Woche beherrschbar bleiben. Der Frost habe die Deiche stabiler gemacht, sagt der zuständige Ministerialreferent Wilhelm Rolker.

Eines steht allerdings bereits fest: Im Kreis Lüchow-Dannenberg wird es wieder die Kleinstadt Hitzacker treffen. Bereits am Freitag überspülte Wasser aus der Kanalisation einen Teil der Altstadt mit einer flachen Lache, berichtete Bürgermeister Karl Guhl. Nun soll erstmals ein mobiles Schott eingesetzt werden, um den historischen Stadtkern vor der Elbe zu schützen. "Bis 7,00 Meter können wir vertragen", sagt Guhl. "Jeder weitere Zentimeter wird kritisch."

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