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22.01.2003

08:08 Uhr

Die Kluft zwischen guten und problembeladenen Lebensversicherern öffnet sich immer weiter

Baisse scheidet die Spreu vom Weizen

VonRita Lansch

Die anhaltende Flaute auf den Kapitalmärkten drückt auf die Anlageerträge der Lebensversicherer und macht es ihnen immer schwerer, ihre großzügigen Renditeversprechen an die Kunden zu erfüllen. Wissenschaftler raten jetzt zu mehr Eigenkapital, zur Absicherung und zur Umschichtung der Portefeuilles.

DÜSSELDORF. "Auch in den nächsten Jahren wird das Geldverdienen für Lebensversicherer sehr schwierig", schreibt der Branchendienst map-Report nach einer Analyse der Gewinnaussichten in der Branche. Er resümiert: "So schlecht ging es den deutschen Lebensversicherern und ihren Kunden schon lange nicht mehr." Jetzt gibt es zum ersten Mal Vorschläge von Finanzwissenschaftlern, was schon angeschlagene Gesellschaften tun können, um in dieser angespannten Situation ihre Lage zu verbessern.

Langzeitstudien, wie sie Prof. Heinrich Schradin, Versicherungswissenschaftler der Universität zu Köln, anstellt, bestätigen, dass sich unter den Anbietern die Spreu vom Weizen trennt. "Die Unterschiede zwischen guten und weniger guten Gesellschaften nehmen zu", sagt Schradin.

Für ihn gibt es nur zwei Dinge, die ein angeschlagener Lebensversicherer tun sollte, der zu viele Risiken mit zu wenig Eigenkapital eingegangen ist: Erstens das Eigenkapital aufstocken und zweitens Risiken abbauen. Mit zusätzlichem Sicherheitskapital müsse allerdings auch Geld verdient werden, das heißt, es will rentierlich angelegt sein. Außerdem stehe der Kapitalmarkt nicht allen Versicherern offen. Öffentlich-rechtlich oder genossenschaftlich organisierte Versicherungsunternehmen können aufgrund ihrer speziellen Eigentümerschaft nur sehr eingeschränkt Kapital aufnehmen - zum Beispiel über die Ausgabe von Genussscheinen.

Auch nach Meinung von Prof. Kurt Wolfsdorf führt bei angeschlagenen Versicherern kein Weg an einer Kapitalerhöhung vorbei. "Das ist häufig nicht so einfach aufzutreiben", weiß er aus seiner Erfahrung als erster und bisher einziger Sonderbeauftragter der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin). In dieser Eigenschaft übernahm er 2002 die Geschäfte der maroden Familienfürsorge Lebensversicherung, für die er mit der Huk-Coburg einen Käufer fand, der die Vertragsbestände jetzt saniert.

"Kapitalbeschaffung ist immer der erste Schritt", sagte Wolfsdorf gegenüber dem Handelsblatt. "Daneben muss das Unternehmen aber an die eigentlichen Verlustquellen ran und sehen, dass seine Verluste nicht noch größer werden." Weil gegenwärtig die Probleme aus den schwachen Kapitalmärkten resultierten, helfe Personalabbau nicht weiter. "Es müssen die Verlustpotenziale in den Anlagebeständen verringert werden", betonte Wolfsdorf. "Dazu sollten die Aktienbestände zunächst nach unten abgesichert werden, damit die Verluste beziehungsweise Abschreibungen nicht noch größer werden." Langfristig führe aber kein Weg daran vorbei, risikoreiche Papiere in weniger riskante umzuschichten. Dabei gelte es jedoch "vorsichtig vorzugehen, um die Buchverluste gleich realisieren zu müssen."

Risiken stecken aber nicht nur in Wertpapieren und Immobilien auf der Anlageseite, sondern auch in den Vertragsbestände der Versicherer. Die traditionelle Lebensversicherung garantiert ihren Kunden mindestens 3,25% Verzinsung auf das Sparguthaben. Weil sie ihrerseits aber mit Aktien und Anleihen derzeit selbst kaum mehr verdienen, haben die Versicherer mit den Garantien so ihre Nöte. "Hier lässt sich vorbeugend einiges tun, um insbesondere Finanzrisiken zu reduzieren", sagt Prof. Schradin. Die Mannheimer Lebensversicherung zum Beispiel ersetzt bei ihrer neuen Produktpalette üppige Garantieleistungen mit flexiblen Sätzen.

Flexibler dürfte auch die Arbeitsteilung zwischen Vertretern und der Zentrale werden, schätzt Schradin. Weitere Provisionssenkungen seien aus Wettbewerbsgründen kaum möglich. Deshalb könne man Kosten eher über eine verstärkte Arbeitsverlagerung vom Innen- zum Außendienst sparen, indem Vermittler Aufgaben aus der Zentrale übernehmen. Die Informationstechnologie gäbe dazu mehr Spielraum.

Möglich ist auch, dass Rückversicherer angeschlagenen Lebensversicherern helfen. Bei ihnen (rück)versichern die Lebensversicherer üblicherweise besonders große oder häufige Risiken. Bei ihnen könnten sich die Versicherer eine Art Brückenfinanzierung holen, die nicht als klassisches Bankdarlehen gilt. Auf diese Weise haben sich einige Lebensversicherer in Boomphasen Provisionszahlungen vorfinanzieren lassen, die für die Vermittlung neuer Policen auf einen Schlag fällig wurden. Ähnlich könnten sie auch Anlagerisiken über Rückversicherer zwischenfinanzieren. Jede derartige Finanzierung muss aber verzinst und irgendwann getilgt werden. Außerdem, so warnen Insider, sieht die Aufsicht solche Finanzgeschäfte unter Versicherern nicht gern.

Quelle: Handelsblatt

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