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04.01.2001

14:31 Uhr

ddp BERLIN/MÜNCHEN. Internet-Firmen müssen in diesem Jahr den Gürtel enger schnallen. Die Hamburger Tomorrow Internet AG hat kurz vor Weihnachten Entlassungen angekündigt, gegen den einstigen Flatrate Anbieter NGI (Next Generation Internet) läuft ein Insolvenzverfahren und beim holländischen Start Up Letsbuyit.com ist der Vorstand zurückgetreten, nachdem die Aktie kurzzeitig vom Handel ausgesetzt worden war. Das sind nur einige Meldungen, die zeigen, dass die Hausse in der Internet-Szene endgültig vorbei zu sein scheint. Statt schneller Gewinne werden traditionelle betriebswirtschaftliche Grundsätze zur Grundlage auch der so genannten New Ecomomy.

"Es wird eine Welle weiterer Pleiten geben", sagt Frank Böttcher, der als Geschäftsführer von Net2B Consulting deutsche und US-amerikanische Internet-Firmen berät. Die "Burnrate" der meisten Start Ups sei sehr kurz, sie würden das ihnen zur Verfügung gestellte Wagniskapital sehr schnell verbrauchen. Erschwerend komme hinzu, dass viele Firmen der New Economy in der Aufbauphase nur sehr wenig oder keinen Umsatz generierten. Wenn das Geld aufgebraucht ist, seien sie meist auf neues Wagniskapital angewiesen. Und das ist Böttchers Erfahrung nach zurzeit viel schwerer zu bekommen als noch vor einem Jahr.

Neben den Internet-Firmen sieht Böttcher jedoch noch eine zweite Gruppe Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. "Die Wagniskapitalgesellschaften bekommen zurzeit das an Internet-Firmen verliehene Geld nicht zurück", sagt Böttcher. Normalerweise funktioniere der Kapitalrückfluss über den Börsengang oder Verkauf des Unternehmens. Bereits seit einem halben Jahr befindet sich der Aktienmarkt jedoch in einer für Börsengänge denkbar schlechten Verfassung. Potenzielle Käufer für die Internet-Firmen seien auch schwer zu finden. Darüber hinaus, sagt Böttcher, seien Investoren sehr zurückhaltend geworden und engagierten sich nicht mehr so freigiebig wie noch vor einem Jahr für neue Unternehmensideen.

Nach der hohen Zahl von Unternehmensgründungen in den vergangenen zwei Jahren, befindet sich die New Economy jetzt auch in Deutschland in der Konsolidierungsphase. Es habe sich nicht vermeiden lassen, dass Geschäftskonzepte kopiert wurden, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), Holger Frommann. Die Folge sei eine Welle von Unternehmenspleiten, weil oftmals zwar eine Idee vorhanden sei, jedoch die unternehmerische Infrastruktur fehle. Im Unterschied zu Unternehmen der alten Ökonomie befänden sich Internet-Firmen zumeist unmittelbar im globalen Wettbewerb, sagt Frommann. Deshalb bräuchten sie gleich zu Beginn sehr viel Kapital. Einige Firmen, denen in den kommenden Monaten das Geld aus der ersten Finanzierungsrunde ausgehen wird, würden jedoch kein weiteres Kapital bekommen.

Für dieses Jahr sagt Frommann deshalb eine Rückbesinnung auf klassische unternehmerische Prinzipien und ein Zusammengehen zwischen traditionellen und neuen Wirtschaftsbereichen voraus. Das Internet sei deshalb nicht tot. Es würden sich lediglich in einem Ausleseprozess einige Produkte durchsetzen, während andere vom Markt verschwinden werden.

Die Konsolidierung wird, da sind sich die Experten einig, auch zu Entlassungen führen. Viele Firmen seien darauf angewiesen, ihre laufenden Kosten um bis zu 50 Prozent zu reduzieren, sagt Stephan Leppla, Gründer des Spiele-Portals Gambas Entertainment und Sprecher des Start Up-Zusammenschlusses "Silicon City". Das sei in der Regel nur mit Personalabbau zu schaffen. Christopher Schering vom Berliner Kinderportal Kindercampus sagt darüber hinaus Einsparungen im Marketing voraus. Dagegen würde der Vertrieb jedoch eher verstärkt werden.

Leppla ist sich sicher, dass die Entlassungen in Deutschland nicht die gleichen Ausmaße haben wie in den USA, wo Internet-Firmen im Dezember 10 000 Mitarbeiter vor die Tür gesetzt haben. Internet-Firmen in Deutschland seien in der Regel kleiner als in den USA. Der Geschäftsführer des Branchenverbandes Bitkom , Bernhard Rohleder, ist dabei sicher, dass "qualifizierte Arbeitskräfte" unmittelbar neue Jobs finden werden, eventuell auch in der Old Ecomomy.

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