Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.02.2003

06:56 Uhr

Die Lipobay-Klagen lasten schwer Bayer

Bei Bayer überschätzt die Börse die Folgen des GAU

VonSiegfried Hofmann

Bei Aktionären der Bayer AG macht sich offenbar Endzeitstimmung breit. Und es ist nicht etwa die Konjunkturflaute, die den Aktienkurs des Chemie- und Pharmakonzerns derzeit nach unten zieht, sondern das Damoklesschwert der Lipobay-Klagen.

FRANKFURT/M. Seit der Rücknahme des Medikaments hat der Konzern inzwischen fast drei Viertel seines Börsenwertes verloren - ein Fünftel alleine in den vergangenen beiden Tagen, nachdem der erste Schadensersatzprozess begonnen hat und amerikanische Anwälte Dokumente lancierten, die auf ein fahrlässiges Verhalten von Bayer deuteten.

Vor diesem Hintergrund unterstellt der Kapitalmarkt nun offenbar das Allerschlimmste. Und angesichts der schwer wiegenden Vorwürfe gegen den Konzern mag die Reaktion auch verständlich erscheinen. Bei einer genaueren analytischen Bewertung indessen lässt sie sich kaum noch begründen. Bayer befindet sich gewiss nicht in allerbester Verfassung. Die Verschuldung ist in den vergangenen beiden Jahren stark angestiegen. Mit einer Marktkapitalisierung von nur noch 9 Mrd. Euro indessen wird der Leverkusener Konzern inzwischen nur noch mit einem Bruchteil dessen bezahlt, was für vergleichbar große Chemie und Pharmakonzerne auf den Tisch gelegt wird. Noch bis vor kurzem schätzten Analysten alleine die Pharmasparte des Konzerns auf etwa 10 Mrd. Euro. Und nach wie vor erwirtschaftet Bayer im operativen Geschäft einen höheren freien Cash-flow als zum Beispiel Wettbewerber BASF. Indirekt unterstellt die Börse mittlerweile also Belastungen aus den Lipobay-Verfahren von 10 Mrd. Euro oder mehr.

Bleibt die Frage: Ist ein solcher "worst case" für Bayer nach den jüngsten Meldungen wahrscheinlicher geworden? Und: Kann er tatsächlich so teuer werden?

Die einzige, einigermaßen brauchbare Orientierungshilfe in dieser Hinsicht geben andere Haftpflichtfälle der Pharmabranche, allen voran der Rückruf der beiden Schlankheitsmittel Redux und Pondimin (Phen-Fen). Der US-Konzern Wyeth, dem in diesem Fall Fahrlässigkeit nachgewiesen wurde, musste bisher mehr als 14 Mrd. $ aufbringen.

Mehrere Gründe sprechen klar dagegen, dass die Lipobay-Problematik in ähnliche Dimensionen wachsen könnte. Erstens: Die Zahl der Konsumenten in den USA war bei den beiden Wyeth-Medikamenten fast zehnmal so hoch wie bei Lipobay. Zweitens: Im Fall Wyeth wurden bislang etwa fünfmal so viele Klagen eingereicht wie bei Lipobay. Und die Zahl der Klagen gegen Bayer wächst derzeit offenbar nur noch geringfügig. Drittens: Anders als die Wirkstoff-Kombination Phen-Fen hinterließ Lipobay offenbar bei den allermeisten der Betroffenen keine bleibenden Schäden.

Das alles wird Bayer nicht davor bewahren, erhebliche Summen zahlen zu müssen, um amerikanische Kläger zu befriedigen. Ganz zu schweigen vom Image-Schaden, der mit den Prozessen einhergeht. Doch selbst wenn man unterstellt, dass die Anwälte dem Konzern Fahrlässigkeit nachweisen können, dürften die Schadenssummen kaum in die Dimension der Phen-Fen-Fälle wachsen. Nach allem, was bislang zu erkennen ist, hat der Kapitalmarkt längst übertrieben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×