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25.06.2000

21:00 Uhr

Die Liste der Konzerne, die Geschäftsbereiche an die Börse bringen, ist groß

Profitable Scheidung - Abspaltungen lohnen sich

VonJürgen Flauger

Siemens, Telekom oder Telefónica - die Liste der Konzerne, die Geschäftsbereiche an die Börse bringen, ist groß. Groß sind nach Einschätzung von Analysten auch die Kursgewinne, die Aktionäre dabei realisieren können. Mancher Bereich rückt durch den Spinoff überhaupt erst in den Blickpunkt der Anleger.

Die Zahlen sind beeindruckend: Am 15. Oktober 1999 brachte Siemens den Geschäftsbereich Passive Bauelemente, Epcos, an die Börse - innerhalb eines halben Jahres legten die Siemens-Titel um 90% zu und die Epcos-Aktien um über 300%.

Für Aktienanalysten ist das kein Zufall: "Unternehmensentflechtungen, so genannte Spinoffs, führen nicht nur zu kurzfristigen Kurssprüngen, sondern auch zu einer langfristig besseren Aktienperformance", lautet das Fazit einer von der Investmentbank Invesco erstellten Studie. Sowohl die Aktien der Muttergesellschaften als auch die Aktien ihrer Töchter entwickelten sich "häufig überdurchschnittlich".



Wertzuwachs durch Spinoffs

Langfristig orientierte Anleger könnten mit Spinoffs mehr verdienen als mit Fusionen, die nach der ersten Euphorie häufig enttäuschten. McKinsey kommt zum gleichen Urteil. Die Analysten des Beratungsunternehmens haben die Performance von großen Entflechtungen in den USA über ein Jahrzehnt hinweg verfolgt. Auch ihr Fazit lautet: Mit Spinoffs kann langfristig Shareholder Value geschaffen werden. Allein die Ankündigung eines Spinoffs lasse den Kurs des Mutterkonzerns in der Regel um 2 bis 3% steigen. Analysten verweisen vor allem auf zwei Vorteile, die ein Spinoff bietet: stärkere Transparenz und höhere Effizienz. Brauchbare Informationen über Gewinne, Risiken und Potenziale liegen meist nur für eine Aktiengesellschaft als Ganzes, nicht aber für einzelne Geschäftsbereiche vor. Erst wenn die Sparten als selbstständige Unternehmen an die Börse gebracht werden, erhalten die Anleger umfassende und zuverlässige Informationen. Bestimmte Geschäftsbereiche eines Konzerns rücken durch eine Ausgliederung so erst in den Blickpunkt von Analysten und Anlegern.

"Wer hätte denn gedacht, dass in Siemens drei bis fünf Dax-Werte stecken?", fragt Stefan Winter, Vorstandsmitglied der Warburg Dillon Read AG. Gleichzeitig erhöht sich den Analysten zufolge durch die Entflechtung die Effizienz bei Mutter und Tochter. Die neu entstandenen Unternehmen sind klarer ausgerichtet und flexibler, die Produktivität steigt. Die Folge: höhere Gewinne und bessere Aktienperformance. Streng fokussierte Unternehmen werden an der Börse eben höher bewertet. "Konglomerate werden im Großen und Ganzen mit einem Abschlag gehandelt", erläutert Winter. Die Summe der Einzelteile liege meist höher.



Größere Spielwiese für Unternehmen

Die Triebfeder für Spinoffs ist nach Winters Worten meist das verschärfte Wettbewerbsumfeld. "Die Kapitalanforderungen sind größer geworden", sagte er. Die Töchter hätten im europäischen Umfeld eine "größere Spielwiese" bekommen, für die das "Haushaltsgeld der Konzerne" oft nicht mehr ausreiche. Andererseits müssen die Mutterkonzerne selbst ihre Kernbereiche stärken. Die Aktien der Töchter können dabei als Akquisitionswährung eingesetzt werden: Die Konzerne bezahlen Zukäufe mit Aktien der Tochter statt mit Bargeld. "Ein Spinoff funktioniert durch alle Branchen hinweg", erläutert Invesco-Analyst Jörg Krämer. Die positiven Effekte wirkten sich aber "in kapitalhungrigen Wachstumsbranchen besonders positiv aus" wie High-Tech, Telekommunikation, Medien oder Biotechnologie.



Töchter wertvoller als die Mutter

Ein Spinoff kann auf einem jungen Geschäftsfeld sogar wertvoller werden als der Mutterkonzern in einem ausgereiften Markt. Beispiel: AT&T und Lucent. Die Telefongesellschaft AT&T brachte den Telekomausrüster 1996 an die Börse. Heute liegt der Börsenwert von Lucent mit 170 Milliarden Dollar deutlich über dem von AT&T mit 107 Milliarden Dollar. Krämer warnt aber vor blindem Vertrauen in Spinoffs: "Natürlich verfolgen die Mütter nicht nur hehre Motive." Wenn Konzerne die Aktien des Geschäftsbereiches nicht als Dividende an die Altaktionäre geben, sondern an die Börse bringen - was sie in der Regel tun -, bestehe durchaus die Gefahr, dass sie einfach nur "Kasse machen" wollen.

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