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03.04.2003

11:30 Uhr

Die Medienlandschaft bebt weiter

Kirch-Pleite zieht noch immer Kreise

Ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe sind die Nachbeben in der deutschen Medienlandschaft noch immer zu spüren. Der gebürtige Ägypter Haim Saban schickt sich an, das Erbe von Leo Kirch anzutreten.

HB/dpa MÜNCHEN. Der schillernde Milliardär, Schöpfer der "Ninja Turtles" und der "Power Rangers", will frischen Wind in die TV-Branche bringen. Auch beim Bezahlsender Premiere und anderen Teilen des einst weit verzweigten Kirch-Imperiums wollen neue Besitzer alte Strukturen aufbrechen. Über Jahrzehnte hatten sich die großen Spieler Bertelsmann, Kirch und die Öffentlich-Rechtlichen den Markt aufgeteilt.

Der 8. April 2002 ist in die Mediengeschichte eingegangen. Um 11.10 Uhr teilte das Amtsgericht München per Fax in dürren Worten das bis dahin selbst für Branchenkenner Unvorstellbare mit: Die Kirch-Media hat Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahren gestellt. Leo Kirch hatte den monatelangen Überlebenskampf seines Unternehmens verloren. "Nun ist mir die Führung aus der Hand genommen worden", schrieb er in einem Brief an seine Mitarbeiter und verabschiedete sich mit den Worten: "Gottes Segen."

Mit dem Abtritt des Winzer-Sohns, der aus dem Nichts rund um die größte Filmbibliothek Europas einen mächtigen Medienkonzern mit 10 000 Mitarbeitern geschaffen hatte, gab einer der letzten großen Unternehmer in Deutschland auf. Banken, Geschäftspartner und Mitarbeiter mussten um ihr Geld fürchten. Allein bei der Kirch-Media meldeten sie nach der Pleite Forderungen in Höhe von mehr als neun Mrd. ? an.

Einen Großteil davon wird Insolvenzverwalter Michael Jaffé nicht bedienen können. Zwar war er in der vergangenen Woche sichtlich erleichtert, als Saban seine Unterschrift unter den Kaufvertrag für die Kirch-Media setzte. Für die Gläubiger habe er in der schwierigen wirtschaftlichen Situation ein Höchstmaß herausgeholt, urteilte Jaffé. Dennoch werden die Gläubiger viele Forderungen abschreiben müssen. Der Kaufpreis für den TV-Konzern Pro Sieben Sat1 und den Rechtestock liegt bei etwa zwei Mrd. ?, nur ein kleiner Teil davon dürfte bar fließen.

Ehrenrettung vor Gericht angestrebt

Leo Kirch blieb sich in all den Wirren selbst treu und mied die Öffentlichkeit, nachdem er alles verloren hatte. Aus der Deckung kam der 76-Jährige nur, um noch einmal um seine Ehre zu kämpfen. Er machte für den Untergang seines Lebenswerks vor allem den früheren Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer und Springer-Chef Mathias Döpfner verantwortlich. Vor Gericht und auf Springer-Hauptversammlungen warf er ihnen vor, ihn in den Ruin getrieben zu haben.

Für den Zusammenbruch waren nach Einschätzung von Branchenexperten aber eher die Milliardeninvestitionen in den verlustreichen Bezahlsender Premiere verantwortlich. Es war nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Premiere als erste Säule der KirchGruppe einen neuen Besitzer fand. Fernsehpionier Georg Kofler hatte den Sender mit einem drastischen Sparkurs herausgeputzt und die Investmentgesellschaft Permira für den Kauf gewonnen. Die Formel 1-Mehrheit liegt inzwischen bei den Gläubigerbanken, die neben Leo Kirch die größten Verlierer des Zusammenbruchs sind.

Befreit von den Milliardenschulden haben damit fast alle Bereiche der einstigen KirchGruppe einen neuen Besitzer gefunden und können weiter machen. Bei der Kirch-Media sind inzwischen mehr als 85 % abgewickelt, berichtet Insolvenzverwalter Jaffé. Doch auch nach einem Abschluss mit einem Interessenten wird die Kirch- Pleite die Insolvenzverwalter noch lange beschäftigen: Jaffé schätzt, dass er noch zehn bis 15 Jahre mit dem Fall beschäftigt sein wird.

Auch Leo Kirch arbeitet nach Informationen aus seinem Umfeld wieder an neuen Plänen. "Das ist keiner, der auf der Parkbank sitzt und Tauben füttert", sagt ein Vertrauter. Kirch sei durch und durch Unternehmer und nicht für das Rentnerleben geschaffen.

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