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30.05.2000

14:39 Uhr

Die Multimedia-Übertragung im Internet eröffnet für Soft- und Hardware-Firmen neue Marktchancen

Musik beflügelt Internet-Geschäft

VonSIGRUN SCHUBERT

Musik- und Videoübertragungen gelten als der nächste Trend im Internet. Die Hersteller der Software für die Übertragung von Filmen und Liedern kämpfen erbittert um die Marktführerschaft.

NEW YORK. Der amerikanische Dessous-Händler Victoria's Secrets weiß, was Surfer wünschen: Mehr als eine Million Interessierte - zwei Drittel davon Männer - schauten allein in der vergangenen Woche über das Internet zu, wie junge Fotomodelle die neusten Bodys und Büstenhalter auf dem Laufsteg im französischen Cannes präsentierten.

Auch andere Firmen - wie etwa der Computerhersteller HewlettPackard - nutzen das Internet, um Konferenzen oder Produktankündigungen live per Video in alle Welt zu übertragen. Zwar ist der Ansturm bei Unternehmenspräsentationen meist geringer als bei den leicht bekleideten Modellen von Victoria's Secret - aus der Web-Welt sind Videos und Musik aber längst nicht mehr wegzudenken.

Die Software - sogenannte Media Player - , die das Anschauen der Kurz-Filme erst ermöglicht, ist vielseitig. Sie dient zum Abspielen von Musikdateien und Videos aus dem Internet, aber auch als Empfänger für das Internet-Radio. Mit den neuesten Versionen der Programme lassen sich zudem Musikstücke von eigenen CDs in kompakte Dateien verwandeln und wie auf einer digitalen Musikbox per Computer verwalten und abspielen.

Videos, Radio, Musik und Informationen auf Abruf sowohl am Computer als auch in tragbaren Geräten, das ist die Vision der Hersteller. "Videos und Musik sind der nächste große Trend im Internet", bekräftigt Jeremy Schwartz, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Forrester Research. 56 % der Internet-Nutzer haben nach Angaben von Forrester bereits Media-Player auf ihren Computern installiert.

120 Millionen tragbare Abspielgeräte bis 2003

Der Markt hat Potential: Das Marktforschungsunternehmen Jupiter Communications sagt voraus, dass bis 2003 rund 120 Mill. tragbare Abspielgeräte verkauft werden, auf die sich die Internet-Musik herunterladen lässt. Bereits jetzt haben mehr als 125 Mill. Nutzer die kostenlose Software von Real Networks zum Abspielen von Musik und Videos aus dem Internet auf ihre Computer geladen.

Die Hersteller der Software für "Streaming Media", wie die Übertragung von Musik und Videos übers Internet im Fachjargon heißt, liefern sich einen harten Konkurrenzkampf um die Gunst der Nutzer. Der Grund: Rivalisierende Unternehmen versuchen, die eigenen Standards für Video- und Musikübertragung im Internet durchzusetzen. Das Unternehmen, dem das gelingt, kann mit beträchtlichen Lizenz-Einnahmen aus der Musikindustrie, Werbe-Einnahmen und Umsatz durch das Vermieten von Internet-Servern rechnen. Der Verkauf von tragbaren Geräten mit Streaming Media Software verspricht zusätzlichen Gewinn.

Noch liegt Real Networks in der Gunst der Nutzer vorn. Das Internet-Marktforschungsunternehmen Media Metrix ermittelte, dass knapp 30 Mill. Surfer im März die Software von Real Networks nutzten. Insgesamt haben sich 125 Mill. Nutzer bei Real Networks registriert. Microsofts Windows Media Player wurde laut Media Metrix im März von knapp über 18 Mill. Kunden abgerufen. An dritter Stelle der beliebtesten Media Player steht Apple Qiuck Time mit 8 Mill. Nutzern.

Die beiden Marktführer haben in den vergangenen Wochen Testversionen ihrer neusten Programme vorgestellt. Der Real Entertainment Center von Real Networks vereint verbesserte Versionen der bisherigen Software für Video- und Audio zu einem einzigen Paket, das fast alle im Internet verfügbaren Multimedia-Dateiformate abspielen kann. Konkurrent Microsoft präsentierte ein Programm, das ebenfalls Video- und Musik-Abspielprogramme mit einer digitalen Musikbox vereint.

Konkurrenz durch junge Start-up-Firmen

Inzwischen tummelt sich neue Konkurrenz in diesem Markt. Die Internet-Unternehmen Yahoo (Yahoo Media Player), AOL (Winamp, Spinner) und Lycos (Sonique Player) haben ebenfalls Software für Multimedia-Inhalte in ihre Portale integriert. Selbst Michael Ovitz, ehemaliger Disney-President, hat sich im vergangenen Jahr zu 51% am Unterhaltungsportal Scour.com beteiligt und hofft auf Gewinne aus der Internet-Unterhaltungsindustrie.

Damit nicht genug: Die etablierten Software- und Internet-Unternehmen bekommen zunehmend Konkurrenz von jungen Start-Ups wie Napster und Gnutella. Diese Programme ermöglichen es, Musikdateien über das Internet auszutauschen. Das vor allem bei Studenten beliebte Programm Napster hat seit der Gründung zu Jahresbeginn bereits 2,5 Mill. Nutzer - und das, obwohl viele Universitäten den Dienst zwischenzeitlich blockiert hatten, weil die Bandbreite der Universitätsserver die massenhafte Übertragung von Musik nicht bewältigen konnte. Zudem haben Bands wie Metallica und der amerikanische Musikverband (RIAA) wegen Urheberschutz-Verletzung gegen Napster geklagt.

Jeremy Schwartz von Forrester Research glaubt, dass die kleinen, aber schnell wachsenden Rivalen zur ernsthaften Bedrohung für die beiden Marktführer werden könnten. Napster sei dabei noch die geringere Gefahr, weil ein Gerichtsprozess die Verbreitung der Software demnächst stoppen könnte. Gnutella, ein Programm, das über das Internet verteilt wird und ohne zentrale Server auskommt, sei wesentlich schwerer zu unterbinden.

Während die Rivalen Microsoft und Real Networks um die Marktführerschaft kämpfen, versuchen sie gleichzeitig, die Kunden von Napster und Gnutella zu gewinnen. Ein Balance-Akt, schließlich müssen die Internet-Anbieter auf der anderen Seite die Musikindustrie beschwichtigen, die massive Umsatzverluste durch illegal kopierte und per Datenleitung verbreitete Musik befürchtet.

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