Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.03.2003

14:27 Uhr

„Die Opfer sieht man nicht“

Hilflose Hilfsorganisationen im Irak

Eine Woche tobt der Krieg im Irak, die Bilder von der Front gehen um die Welt - nur die Opfer sieht man kaum. Weder amerikanische Militärs noch internationale Hilfsorganisationen sind derzeit in der Lage, einigermaßen verlässliche Schätzungen über die Zahl verletzter und toter Zivilisten abzugeben.

HB/dpa AMMAN. "Um die Wahrheit zu sagen, die Welt macht sich bisher kein Bild über die humanitären Folgen des Krieges", klagt ein UN-Sprecher am Mittwoch in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Da sind die Bombardierungen in Bagdad. Nicht mal hier haben die Hilfsorganisationen einen genauen Überblick über die Zahl der Opfer. "Wir können lediglich sagen, dass in der Nacht zum Dienstag 60 Verwundete in Krankenhäuser kamen", sagt Muin Kassis, Sprecher des Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Amman. Man wisse aber nicht, ob es nicht noch mehr Opfer gab. Auch Angaben über Tote habe man nicht. Völlig unklar sei die Lage um Basra im Südirak, wo es seit Tagen Kämpfe gibt. Hier macht vor allem akuter Wassermangel für 1,3 Mill. Menschen Sorge. Ein Experte des UN-Kinderhilfswerks UNICEF warnt: "100 000 Kinder sind in Gefahr, an Durchfall und Wassermangel zu sterben."

Die Hilfsorganisationen sind hilflos: Dutzende Organisationen mussten den Irak mit Kriegsbeginn verlassen. Vor dem Waffengang versorgte das UN-Welternährungsprogramm (WFP) rund 22 der 23 Mill. Iraker mit Lebensmitteln. Im Zuge des Programms "Öl für Nahrung" gab es 40 000 Ausgabestellen im Land, 2500 Kalorien erhielt jeder Iraker pro Tag - seit dem 18. März ist das Programm unterbrochen. Das WFP hat vorgebeugt und noch kurz vor dem Krieg Extra-Rationen verteilt. "Doch die reichen nur noch höchstens drei Wochen", heißt es in Amman. Wann die Hilfsorganisationen in den Irak zurückkönnen, ist unklar.

"Viele Menschen im Irak haben ihre Nahrungsrationen verkauft", berichtet Andrea Hilger von der kleineren Hilfsorganisation "Architects for people in need" (Architekten für Not leidende Menschen) aus München. "Die große Mehrheit ist durch 13 Jahre UN-Embargo völlig verarmt." Die Organisation ist eine der ganz wenigen, die noch in Bagdad vertreten sind. 15 lokale Helfer hat sie dort, die sich um Sofortmaßnahmen für Zivilisten und die Situation an Krankenhäusern kümmern. "Drei Kriege in 20 Jahren haben die Menschen und das Land einfach völlig erschöpft."

Am gefährlichsten ist die Lage für die Kinder. "Hunderttausende sind seit vielen Jahren unterernährt", warnt UNICEF. "Das macht sie extrem anfällig für Krankheiten." Große Flüchtlingsströme blieben allerdings bisher aus. Die Zeltstädte, die die UN an der Grenze zu Jordanien und zum Iran aufschlugen, sind bisher so gut wie leer. "Den meisten Menschen ist der Weg zur Grenze zu gefährlich", erklärt Frau Hilger. "Andere haben nicht genügend Geld, ein Auto für die Flucht zu mieten. Einige wollen einfach zu Hause bleiben, um ihr Haus zu schützen." Peter Kessler, der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Amman, hat einen anderen Verdacht: "Es gibt Berichte, dass Funktionäre der Baath-Partei Iraker an der Flucht hindern."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×