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22.06.2000

18:14 Uhr

Die Saudis wollen erst im September ihre Produktion steigern

Analyse: Opec zögert mit einer nachhaltigen Entlastung der Ölmärkte

VonHEINZ JÜRGEN SCHÜRMANN

Mit ihrer nur geringfügigen Produktionssteigerung haben die Mitglieder der "Organization of the Petroleum Exporting Countries" (Organisation der Erdöl exportierenden Länder, Opec) den Status quo bestätigt. Die tatsächlich geförderten Rohölmengen entsprechen schon heute weitgehend der neuen Produktionsquote, die ab Juli für zehn Kartellmitglieder gelten soll; das elfte Mitglied, Irak, wird seit Ende des Golfkrieges vor mehr als neun Jahren auf Grund der Uno-Auflagen nicht mehr in die Produktionsabsprachen der Opec-Gruppe integriert. In den nächsten Wochen wird bestenfalls gerade einmal ein Prozent - bezogen auf die Weltölförderung - zusätzlich in den Markt gepumpt.

Die auf der Wiener Konferenz der Opec-Ölminister vereinbarte Erhöhung der offiziellen Produktionsquote um etwas über 700 000 Barrel (ein Barrel=159 Liter) pro Tag liegt in dem Rahmen, der in Expertenkreisen vor Beginn der Tagung diskutiert wurde. Auf den Märkten ist die Entscheidung daher auch bereits weitgehend antizipiert worden. Die Ölminister einigten sich diesmal schnell, weil dem mit Abstand wichtigsten Kartellmitglied Saudi-Arabien an einer einvernehmlichen Lösung gelegen war.

Die Saudis wollten sich nicht erneut, wie zuletzt bei der Ölministerkonferenz Ende März, im Kartelllager beschuldigen lassen, bei der Bestimmung der Fördermengen allzu sehr den Interessen der USA zu folgen. Riad und Teheran - Iran ist das zweitwichtigste Kartellmitglied - hatten sich schon vor dem offiziellen Tagungsbeginn auf eine Linie verständigt. Die iranische Delegation votierte für eine Steigerung um 500 000 Barrel; die Saudis favorisierten 900 000 Barrel. Man traf sich schließlich in der Mitte.

Ob das neue Angebotssignal der Opec, deren Mitglieder rund 60 Prozent zum international gehandelten Öl beisteuern, die bestehenden Verknappungsängste nachhaltig begrenzen kann, muss bezweifelt werden. Allerdings haben die Ölminister der Opec vor einer Gleichung mit vielen Unbekannten gestanden. Nach den Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris, dem weltweit anerkanntesten Gremium für einigermaßen verlässliche Hochrechnungen über den Energieverbrauch, übertraf die globale Erdölproduktion den Mineralölverbrauch in diesem Frühjahr deutlich.

Die Lager konnten zuletzt wieder aufgestockt werden; die aktuellen Vorräte bleiben aber nach wie vor relativ niedrig. Gleichzeitig zieht die Weltölnachfrage kräftig an. Sollten jetzt die Rohölbestände weltweit wieder auf Normalniveau gebracht werden, drohen vor allem für das zweite Halbjahr Verknappungen.

Dies ist aber nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite sind vor dem Beginn der Reisesaison in den USA Engpässe bei der Bereitstellung eines ausreichenden Benzinangebots entstanden. Die von den Mineralölunternehmen verfolgte "Just-in-time-Eindeckungsstrategie" hat dazu geführt, dass nur noch in geringem Umfang Angebotspuffer bereitgehalten werden. Die saisonal unterschiedlichen Nachfragebewegungen verursachen heute wesentlich stärkere Preisausschläge als noch in der ersten Hälfte der 90er-Jahre. Der starke Auftrieb bei den Benzinpreisen hat in den letzten Wochen die Rohölnotierungen - wenn auch in schwächerem Umfang und mit Zeitverzögerung - noch oben gezogen.



Der hohe Benzinbedarf in den USA lässt die Preise hochschnellen

Vor allem die iranische Delegation hat in Wien den Schwarzen Peter für die Preishausse an die amerikanische Ölindustrie weitergereicht. Dieser Vorwurf eines "Missmanagements" kann dabei keineswegs als billige Polemik abgetan werden. Die Raffinerien in den USA hätten schon im Frühjahr höher ausgelastet werden müssen, um für den stark steigenden Sommerbedarf an Benzin ausreichend Vorsorge zu treffen.

Selbst wenn die Opec-Staaten ihre Rohölfördermengen in den nächsten Wochen wesentlich stärker als geplant erhöhten, könnte der aktuelle Mangel an Benzin nicht rechtzeitig beseitigt werden. Hinzu kommt, dass das Angebot an leichten Rohölsorten, die für eine relativ hohe Benzinproduktion notwendig sind, auch im Kartelllager nicht nennenswert gesteigert werden kann. Die Spielräume für weitere Angebotserhöhungen über alle Rohölsorten konzentrieren sich auf Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Länder mit sehr großen Ölvorräten wollen die Rohölpreise möglichst im Bereich von 25 Dollar je Barrel lassen; zuletzt streiften die Notierungen die 30-Dollar-Marke.

Sollten die Rohölerlöse in den kommenden Wochen fest bleiben, dann werden vor allem die Saudis auf der nächsten Halbjahreskonferenz der Opec am 10. September darauf dringen, die Ölventile stärker aufzudrehen. Versorgungsengpässe im Herbst sind also trotz der für die Märkte eher enttäuschenden jüngsten Produktionsentscheidung keineswegs schon programmiert. Die Ölminister der Opec haben erst einmal auf Zeit gespielt; sie wollen verlässlichere Informationen über die Entwicklung des Verbrauchs und der Lagervorräte bis zum Spätsommer gewinnen.



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