Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2005

09:18 Uhr

Die soziale Dimension der Globalisierung durchzieht die Reden auf dem WEF

Verantwortungsbewusst

VonMichael Naumann (Herausgeber Die Zeit)
Quelle:Zeit Online

Man stelle sich Davos wie eine lange Straße vor, die vor 150 Jahren als Feldweg in ein Dorf mit nicht mehr als 30 Häusern führte, umgeben von alpin anschwellenden Hügeln, hinter denen als großes Skifahrerversprechen echt Schweizerische Felsengipfel aufragen.

DAVOS. Hier, in der klassischen Mannschen Zauberberglandschaft, in der man seine Tuberkulose auskurieren konnte oder in aller gebotenen Dekadenz dahinschied, hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten eine ganz unalpine Schuhschachtel-Architektur ausgebreitet, Kiste neben Kiste - Hotels, die, als sie geplant wurden, noch nicht als Denkmäler des Tourismus gegen die unbestreitbare Veränderung des Weltklimas interpretiert werden konnten. Anders gesagt: Die letzten fünf Jahre waren die heißesten seit in Europa Wetterstatistiken geführt werden. Die Gletscher schmelzen, die Schneekanonen arbeiten im Januar, die Schneedecke ist dünn und irgendwann einmal werden alle diese Hotels leer stehen und sozialen Zwecken zugeführt werden.

Am Mittwoch aber zeigte sich Davos in seiner ganzen winterlichen Pracht, das heißt, Nebelschwaden waberten durch das Tal und Frankreichs Präsident Chirac musste seinen Besuch absagen, weil sein Helikopter den Weg durch die Nebentäler nicht gefunden hätte. Tausende WEF-Teilnehmer, die ihre eigene globale Wichtigkeit auch aus der Anwesenheit großer und kleiner Weltpolitiker saugen, wurden jedoch nicht enttäuscht: Auf einer Cinemascope-Leinwand richtete der Präsident in einer Live-Übertragung eine Ansprache an das Publikum im Kongresszentrum. Rechts der Leinwand stand ein Sicherheitsbeamter. Man weiß ja nie. Vielleicht war es aber auch gar kein Sicherheitsbeamter, sondern nur der eigentliche Erfinder des Forums, Professor Schwab.

Chirac sollte also zu seiner Gemeinde sprechen - leider aber wusste er nicht, dass die Kamera bereits übertrug und so sah man etwas verblüfft den französischen Präsidenten bei der Haarpflege, nervös nach links und rechts schauen, als wüsste er nicht genau, was er sagen sollte. Dann aber leuchtete wohl im Pariser Studio ein rotes Lämpchen, im Gesicht des Präsidenten vollzog sich eine blitzschnelle Verwandlung. Jetzt sah er aus wie auf seiner eigenen Briefmarke, die irgendwann einmal auch gedruckt werden wird. Ein Staatsmann durch und durch. Professor Schwab rief ihm auf deutschem Englisch zu, dass die Anwesenden nur ein Ziel hätten, nämlich die Welt zu verbessern. Es ginge um eine verantwortungsbewusste Globalisierung.

Chirac nahm den Faden auf, er redete den Unternehmern, den Unternehmensberatern, den angereisten arabischen Prinzen (mindestens ein Dutzend) ins Gewissen. Sie sollten doch bitte die "soziale Dimension der Globalisierung" nicht vergessen. Da lag es nahe, auch gleich das Seebeben in Südostasien zu erwähnen, das uns doch gezeigt habe, dass "wir alle verletzlich sind". Bescheidenheit sei das Ziel. Und im übrigen gäbe es auch stille Tsunamis; Hunger und Gewalt in aller Welt, und das angesichts der Tatsache, dass - hier wurde Jacques Chirac etwas taktlos - das Bruttosozialprodukt ganz Afrikas dem Umsatz von fünf oder zehn Top-Unternehmen gleich käme, was sicher mit gebrochenem Stolz von den Repräsentanten eben jener Unternehmen im Kongresszentrum in Davos zur Kenntnis genommen wurde. Merkwürdig, vielleicht hatte der französische Präsident gehört, dass Tony Blair ebenfalls über Afrika sprechen wollte, und so nahm er ihm das Thema einfach weg. Ach, Europa.

Ein paar Stunden später dann Auftritt Tony Blair: Das Jungenhafte hat ihn nicht verlassen. Seine angenehme Public School-Stimme wirkt immer noch so einschmeichelnd wie die des allerliebsten Schwiegersohns. Er hat Schwierigkeiten Zuhause, die Parteifreunde vom linken Flügel mögen ihn nicht, seine Europa-Politik droht zu scheitern und Großbritanniens Schatzmeister Gordon Brown will ihn aus dem Amt verdrängen. Da ist ein Abstecher nach Davos geradezu erholsam. Aber seltsam, in seiner Rede schleppt er seine innenpolitischen Probleme mit. Sie alle heißen: George W. Bush. Als müsse er sich gegen den Vorwurf wehren, er habe sich in einem sinnlosen Krieg an die Seite Amerikas gestellt, nimmt er die Antrittsrede des amerikanischen Präsidenten zum Anlass, Bush zu verteidigen. "Freiheit" sei dessen grundsätzliches Politikmotiv. Und, so Blair, er habe es sich nicht träumen lassen, dass er einmal dieses Motiv verteidigen müssen gegen Anwürfe von links. Die treffen ihn natürlich auch.

Dann aber, in einer der wunderbaren rhetorischen Kehrtwendungen, die die Kultur des Understatements erlaubt, gleitet der britische Premier über in die Position der europäischen Multilateralisten. Interdependenz sei der Charakter aller Außenpolitik, nichts könne man mehr alleine machen; indes, man benötige doch ein gemeinsames Ziel. Interdependenz sei schließlich nicht alles. Also sucht sich der Vorsitzende der nächsten G 8-Runde genau jenes Ziel aus, das moralisch unanfechtbar, geopolitisch immer noch unwichtig aber bei gutem Willen doch erreichbar ist - die Rettung Afrikas.

Es ist schon seltsam, das World Economic Forum, vor einigen Jahren noch das Ziel wütender Globalisierungsgegner und immer noch von mehreren Regimentern Schweizerischer Polizei abgeriegelt gegen die ungehörigen Demonstranten aus dem Ausland (natürlich, es waren auch ein paar Schweizer dabei), dieses WEF hört sich inzwischen an wie eine Art Versammlung von Attac-Mitgliedern mit Schlips.

Tony Blair zählt Tote: 6 000 Afrikaner sterben täglich an Aids. 3 000 Kinder werden täglich von Malaria, einer durchaus ausrottbaren Krankheit, hingerafft. 300 Millionen Menschen haben kein sauberes Wasser - die meisten von ihnen natürlich in Afrika.

Es wäre nun die Gelegenheit gewesen, auf die historischen Ursprünge dieser jammervollen Lage auf dem Kontinent hinzuweisen, aber Politiker sind gehalten, an die Zukunft zu denken. Also führt Tony Blair seine Rezepte vor: Wir müssten die politischen Führer Afrikas verändern (regime change light, könnte man sagen), demokratische Institutionen müssten aufgebaut werden. Die europäische Entwicklungshilfe müsse um 100 Prozent gesteigert werden, daran werde sich auch England beteiligen. Wir müssten unsere Märkte für afrikanische Produkte öffnen. Dies alles sagen sämtliche Entwicklungspolitiker Europas schon seit Jahren - und alle Wirtschafts-, Handels-, Agrar- und Sonstwie-Minister hören sie sich in aller Muße an. Wir müssten aber auch, sagt Tony Blair, den Willen haben, in Katastrophenfällen wie in Dafur zu intervenieren. Er sagt nicht, militärisch zu interventieren - aber das ist zweifellos gemeint.

Und hatte er am Anfang seiner Rede noch Bushs Außenpolitik und mithin sich selbst verteidigt, so wendet er sich am Ende seiner Rede von genau dieser Politik ab und weist darauf hin, dass auch England den Kyoto-Vertrag unterschrieben habe, dass der unbestreitbare Klimawandel zurückzuführen sei auf CO2-Emissionen, wie inzwischen die Mehrheit aller Wissenschaftler behaupte (und Demokraten verstehen, was Mehrheiten bedeuten), dass 42 Prozent eben jener Emissionen aus den G 8-Staaten stammen, und dass man verhindern müsse, dass die Entwicklungsländer, aber auch die großen Schwellenstaaten wie China und Brasilien immer neue Kohlekraftwerke bauten und damit den Treibhauseffekt verdoppeln. Da läge es nahe, diesen Ländern die Entwicklung von Kernkraftwerken zu empfehlen, wenngleich man gerade dabei ist, den Persern dieses zu verbieten.

"Schwierige Entscheidungen", tough choices ist das Generalthema des WEF. Aber wie es so aussieht, treffen zur Zeit vor allem amerikanische Politiker die Entscheidungen für den Rest der Welt. Insofern verwundert es auch nicht, dass kein aktiver Politiker von Rang aus Washington angereist war, dafür aber der Darling der westlichen Welt, Bill Clinton. Mehr noch, irgendjemand hatte auch Sharon Stone eingeladen und man muss schon sagen, als der Focus-Chef Helmut Markwort einen zarten Wangenkuss von der bildschönen Frau erhielt (oder war es der Verleger selbst, der küsste?), da war die Welt wieder in Ordnung.

Und am Donnerstag konnte die Sonne wieder über Davos aufgehen, während sie in Melbourne für den neuen Schweizer Tennissuperstar Federer unterging. Er verlor im fünften Satz gegen den Russen Safin. Aber, wie ein Schweizer Beobachter des hiesigen Unternehmerturniers meinte, das sei nicht so tragisch, schließlich sei er ja kein Skifahrer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×