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26.05.2000

19:34 Uhr

„Die Spreu trennt sich vom Weizen“

Die „dot-com“-Manie ist vorüber

Die Rückkehr der Standardwerte am Aktienmarkt bedeutet noch keinen grundsätzlichen Trendwechsel

fs/hus/som FRANKFURT/NEW YORK. Die "dot-com"-Manie ist vorüber. Die Zeiten, in denen Aktien allein wegen ihres nach High-Tech klingenden Namens gekauft wurden, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Derzeit fliegen die Papiere der "New Economy" gleich reihenweise aus den Depots, nur weil sie stark auf das Internet setzen.

Parallel zum Ende der Netz-Euphorie hat auch die trügerische Hoffnung auf allzeit steigende Kurse einen Dämpfer erhalten. Seit Anfang 1996 glänzten der amerikanische Leitindex Dow Jones und der Deutsche Aktienindex (Dax) jedes Jahr mit zweistelligen Zuwachsraten. Nun sind die Aktienmärkte, angeführt von der US-Technologiebörse Nasdaq, auf dem Gang in den Keller. Die US-Computerbörse liegt seit dem Jahresbeginn mit fast 19 % im Minus. Dow und Dax kommen mit minus 8 % und minus 0,28 % (noch) vergleichsweise glimpflich davon. Doch die Turbulenzen sind noch nicht ausgestanden. "Die Börse wird bis Juni auf alle Fälle volatil bleiben", sagt Gerhard Grebe, Vorstand des Bankhauses Julius Bär. Der Dow Jones kann nach seiner Ansicht bis auf 9 000 Punkte nach unten gehen. Bei der Nasdaq sind für Grebe 3 000 Zähler das Ende der Fahnenstange, danach dürfte es wieder nach oben gehen.

Mit einer nachhaltigen Aufwärtsbewegung rechnet Grebe jedoch erst wieder im Spätherbst. Allerdings könnte dem Dax dann die lang erwartete Emanzipation von den USA gelingen. So rechnen US-Marktanalysten noch mit mehreren Zinsschritten der Federal Reserve in diesem Jahr. Zwar hat die straffere Geldpolitik der US-Zentralbank bislang vor allem die Aktienmärkte unter Druck gesetzt, doch der Federal Reserve dürfte keine Alternative bleiben. Die US-Wirtschaft wächst nach wie vor in einem viel zu raschen Tempo. Schätzungen gehen von einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von bis zu 5 % in 2000 aus.

Die Zinsängste sind also längst nicht aus dem Markt. Das wiederum nährt Zweifel daran, ob die Nasdaq nach ihrer mehr als 30 %igen Korrektur bereits die Talsohle erreicht hat. "Die Aktienmärkte gehen zur Zeit nirgendwohin", glaubt Bruce Steinberg, Chef-Volkswirt der Investmentbank Merrill Lynch. James Paulsen, Chefstratege der Vermögensverwaltung Wells Capital Management, empfiehlt deshalb, stärker in festverzinsliche Staatspapiere zu gehen. Er rechnet mit deutlichen Kurssteigerungen, vor allem wenn die Zinsschritte greifen und sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt. "Die Zinsentscheidungen setzten sich jetzt trotz zweifellos guter Zahlen der Unternehmen im Markt durch", glaubt auch Aktienresearch-Leiter Kai Franke von der BHF Bank - für den hiesigen Markt. Bislang wurde jeder Rückschlag als Kaufgelegenheit und jede Erholung als Ende der Korrektur gesehen. Für Franke ist die Stimmung aber noch nicht schlecht genug - eine Voraussetzung dafür, dass es an der Börse bald wieder aufwärts geht. Den Dax sieht er am Jahresende wieder bei 7 200 Punkten. Auf jeden Fall wird "jetzt die Spreu vom Weizen getrennt", so Franke. Anleger werden sich in Zukunft wohl oder übel die Geschäftsmodelle der einzelnen Unternehmen genau anschauen müssen. Diese müssen sie aber darauf abklopfen, ob sie sich für die neue Ökonomie eignen .

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