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21.01.2001

19:00 Uhr

FRANKFURT. Viel zitiert und oft gescholten - Analysten brauchen neben einer profunden betriebs- oder bankwirtschaftlichen Ausbildung und einer exzellenten Kenntnis ihrer Branche vor allem starke Nerven. In den letzten Monaten hat sich die Kritik an den Analysten, die die Börsianer täglich mit unzähligen Empfehlungen bombardieren und damit Kurse bewegen, verstärkt. Zu spät, zu interessengelenkt, zu oberflächlich, zu jung und unerfahren - das sind die Hauptvorwürfe, denen sich die Experten ausgesetzt sehen.

Höchste Zeit also, eine Lanze für die Branche zu brechen. Nicht nur, weil Anleger und Journalisten mehr denn je auf die Urteile der Bewertungsprofis angewiesen sind. Allein im Handelsblatt vom letzten Donnerstag wurden Analysten in 38 Artikeln zitiert oder erwähnt. Natürlich gibt es auch unter den Analyseprofis schwarze Schafe, aber nach wie vor führt kein Weg an den Fachleuten vorbei, weil sie neben den Managern selbst immer noch die besten Einblicke in die Unternehmen haben. Zudem gilt: Auch in ihren Häusern werden sie vor allem daran gemessen, wie nachhaltig ihre Prognosen sind.

Die Märkte möchten den Analysten vertrauen. Das aber setzt voraus, dass sie die über dem Parkett schwebenden Vorwürfe entkräften. Nicht mit teuren Imagekampagnen, sondern mit solider, fundierter, nur der Transparenz verpflichteter Arbeit. Mit Analysen, die den Indizes nicht mit Verspätung folgen, sondern die blitzschnell auf gute oder schlechte Nachrichten aus den Unternehmen reagieren. Mit Hoch- oder Herabstufungen, die nicht dem Kurs hinterherhecheln, sondern die Richtung vorgeben. Und wenn es gelegentlich zu Fehleinschätzungen kommt, was kaum zu vermeiden ist, dann sollte dies nicht unter den Teppich gekehrt, sondern eingestanden und korrigiert werden. Wobei natürlich allzu häufige Korrekturen die Glaubwürdigkeit nicht gerade befördern ...

Vertrauensbildende Maßnahmen sind auch deswegen nötig, weil auf die Analysten ein Jahr zukommt, das noch schwieriger werden könnte als das vergangene. Zum Jahreswechsel hagelte es, als Reflex auf die abbröckelnden Kurse der vorangegangenen Monate, Herabstufungen. Derzeit scheint sich die Börse langsam zu erholen. Technologie- und Wachstumswerte sind wieder gefragt. Schon stellt sich die Frage, wie die neuen Empfehlungen lauten. In der zweiten Jahreshälfte, so heißt es allenthalben, könnte die vielleicht gerade beginnende "Zwischenrally" schon wieder zu Ende sein. Also müssten die Empfehlungen rechtzeitig wieder angepasst werden, und zwar nach unten. In diesem Umfeld werden es die Analysten in den nächsten Monaten schwer haben, den richtigen Ton zu treffen. Und die Anleger werden weiter genau hinsehen müssen, bevor sie einer Empfehlung folgen.

Hermann-Josef Knipper ist leitender Redakteur des Handelsblatts und Ressortleiter der Finanzzeitung mit Sitz in Frankfurt am Main.

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