Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.01.2001

19:00 Uhr

Ob der längste Aufschwung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte bald in einer Rezession endet, hängt vor allem vom US-Verbraucher ab. In den letzten zwei Jahren war der private Konsum mit einer realen Wachstumsrate von über fünf Prozent nämlich noch vor den Unternehmensinvestitionen der wichtigste Wachstumsmotor.

Aber die beiden wichtigsten Stützpfeiler des Konsumbooms sind nun ins Wanken geraten. Der langsamere Beschäftigungszuwachs und die gestiegenen Öl- und Erdgaspreise haben das reale Einkommenswachstum fast halbiert. Und die schwache Börsenentwicklung des letzten Jahres hat dazu geführt, dass seit Frühjahr 2000 das Nettovermögen der amerikanischen Privathaushalte stärker geschrumpft ist als in jeder vergleichbaren Episode seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vor allem die letztere Entwicklung ist bedrohlich. Denn der bis vor einem Jahr unaufhaltsam scheinende Gipfelsturm der US-Börsen hatte die Verbraucher dazu ermuntert, immer weniger aus dem laufenden Einkommen zu sparen und immer mehr auf weitere Kapitalgewinne zu setzen. So ist die Sparquote der privaten Haushalte nun zum ersten Mal seit der großen Depression negativ, und der private Verbrauch übersteigt das verfügbare Einkommen.

Wenn sich die Kurse in den kommenden Monaten nicht kräftig erholen, werden die Verbraucher wohl wieder mehr sparen müssen. Die schwachen Einzelhandelsumsätze und Automobilabsatzziffern der letzten Monate sind ein erstes Anzeichen dafür, dass der vielzitierte Gürtel jetzt enger geschnallt wird. Weil ein Konsumeinbruch zu Lasten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage geht, werden so die Realeinkommen weiter belastet, und die Konsumenten werden ihre Ausgabefreudigkeit noch stärker einschränken müssen.

George W. Bush will versuchen, mit umfangreichen Steuersenkungen einen solchen Einbruch abzuwenden. Allerdings ist die Steuerpolitik zur Konjunkturstabilisierung nur wenig geeignet. Denn das Rezessionsrisiko ist in den nächsten drei Monaten am größten, aber niedrigere Steuern werden frühestens in einem halben Jahr wirksam. Dann ist es entweder schon zu spät, oder die Gefahr ist vorüber.

Daher steht einmal wieder die Federal Reserve in der Verantwortung. Bis jetzt hat die geldpolitische Lockerung vor zwei Wochen nur einen bescheidenen Einfluss auf Anleiherenditen und Aktienkurse gehabt, und die Finanzlage des privaten Sektors ist weiterhin angespannt. Aber die erste Zinssenkung war nur der Startschuss. Die Fed wird sicherlich nicht zögern, in den nächsten Monaten weitere umfangreiche Schritte folgen zu lassen. So dürfen wir hoffen, dass uns eine Rezession doch noch erspart bleibt.

Jan Hatzius ist Senior Economist der Investmentbank Goldman, Sachs & Co. in New York

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×