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16.01.2001

00:00 Uhr

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Die Stimmung retten...

VonUte Latzke

So manche E-Mail hat den Adressaten erzürnt, obwohl dies vom Absender nicht beabsichtigt war. Das neue E-Mail-Programm "MoodWatch" soll das Schlimmste verhindern, indem es die Nachrichten auf sprachliche Ausfälle und etwaige Unverschämtheiten überprüft. Ist doch praktisch, oder?

Im Eifer des Gefechts lässt sich so mancher Absender einer Mail zu Redewendungen hinreißen, die er selbst der Situation angemessen, als korrekt sowie pointiert formuliert empfindet, keinesfalls aber als unhöflich. Die ein oder andere "spitze" Bemerkung hat er mit dem Emoticon ;-) versehen - ein kleines Augenzwinkern, das das Geschriebene relativieren soll - sicherheitshalber eben. Auf den Adressaten wirkt die Botschaft aber möglicherweise ganz anders. Er empfindet das Geschriebene als unverschämt, ist verärgert, schlimmstenfalls beleidigt, und fortan leidet die geschäftliche oder zwischenmenschliche Beziehung erheblich.

Abhilfe schaffen soll "MoodWatch" (etwa: Stimmungsbarometer) von dem amerikanischen Unternehmen Qualcomm, Division Eudora, der Knigge für das Verfassen von E-Mails. David Kaufer, Englischprofessor an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, hat für MoodWatch einen Kanon von Begriffen aufgestellt, über die der Leser stolpern könnte. Das Programm sondiert die E-Mail und versieht zweifelhafte Redewendungen mit einer, zwei oder drei Chilibohnen - jenachdem wieviel Pfeffer der Autor in seine Formulierungen gelegt hat. Die Software ist in der Lage, über 2,7 Millionen riskante Begriffe aufzuspüren - beeindruckend und sehr hilfreich, oder?

MoodWatch verhindert fortan jede verbale Katastrophe (vorerst nur als englische Version), aber irgendwie liegt hier der Hase im Pfeffer begraben: Besteht dadurch nicht auch die Gefahr, dass das Programm zu sehr glättet und jede Individualität sowie Kreativität bei den Formulierungen im Keim erstickt? Vielleicht ist die ein oder andere "gesalzene und spitze" Bemerkung per E-Mail durchaus beabsichtigt.

Sicherlich, Botschaften, die in Stresssituation und aus Verärgerung heraus verfasst werden, können schnell den falschen Ton anschlagen, respektive mit einem zu forschen Stil am Ziel vorbeischießen. Andererseits kann dies während eines Telefonats oder im Gespräch mit einem direkten Gegenüber ebenso passieren. Der nächste Schritt wäre folgerichtig ein Programm, das Telefonate "glättet". Das wird allerdings während eines Gesprächs kaum umzusetzen sein. Vielleicht lässt sich das Programm ja auf Nachrichten zuschneidern, die man auf den Anrufbeantworter spricht...

Besonnenheit bei verbalen oder schriftlichen Äußerungen ist generell geboten, schließlich kommen die Redewendungen, "eine Sache erst einmal zu überschlafen" oder "wieder herunterkommen von der Palme" bevor man (mit Worten) losschießt, nicht von ungefähr.

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