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05.02.2001

13:33 Uhr

Die Veteranen im Venture Capital sind zurück

Kolumne: Frühjahrsputz bei Risikokapitalgebern

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Es fällt jedoch auch nicht leicht, Mitgefühl für die hiesigen Venture Capitalists zu entwickeln. Im Jahr 1999 lagen die durchschnittlichen Renditen dieser Firmen bei mehr als 170 %. Sand Hill Road, Sitz der altgedienten Creme de la Creme, war das Zentrum der Macht. Da Venture Capitalists bekanntlich ungern weit fahren, stiegen die Mietpreise für Start-ups in der Nähe dieses Zentrums drastisch an. Der Traum eines Gründers war es, direkt in den heiligen Räuumen "inkubiert" zu werden.

Die vergangenen Monate haben diese Venture Capitalists doch etwas mitgenommen. Das mag zunächst erstaunlich erscheinen, da der einschlägige PriceWaterhouseCoopers Report für das dritte Quartal 2000 in den USA noch immerhin 17.62 Mrd. $ an Investments in High-Tech Firmen registriert hat. Nach 19.81 Milliarden im zweiten Quartal war das zwar erstmals seit vielen Jahren kein Rekord, aber doch immerhin noch doppelt so viel wie im Jahr zuvor, das auch nicht gerade ein Hungerjahr gewesen war.

Aber diese Statistiken täuschen. Die Venture Kapitalisten sitzen in Zwickmühle:
1. Die institutionellen Investoren in den USA haben den Geldhahn abgedreht: Derzeit werden keine Investments in Venture Fondsgetätigt. Die wichtigste Quelle für neue Fonds ist daher erst einmal versiegt. Selbst im vierten Quartal wurden zwar noch große Investments verkündet. "Das waren aber alles schon im August besiegelte Deals" sagen die Kenner der Szene. Neues institutionelles Geld gibt es seit Monaten nicht.

2. Nasdaq-Investoren haben derzeit wenig Appetit auf neue Börsengänge von Internet-Unternehmen. Im Gegenteil, mindestens 260 Unternehmen droht eine bisher ungekannte Schande: Das "Delisting" von der Nasdaq. Kaum jemand kennt die archaischen Regeln im Detail, wann ein Unternehmen die Nasdaq verlassen muss. Aber eine Regel ist einfach: Wenn der Aktienpreis 30 Tage lang unter einem Dollar ist, dann kommt die gefürchtete Verwarnung per Fax. Wird das Problem nicht innerhalb von 90 Tagen gelöst, dann wird der Handel eingestellt.

3. Portfolio-Unternehmen vernichten Geld. Viele Internet-Unternehmen, die unerwartet nicht an die Börse konnten, machen noch Verluste. Gerade in diesem späten Stadium können diese Verluste beträchtlich sein - die Unternehmen werden zu reinen Geldvernichtungsmaschinen. Die einzigen, die zurzeit derartige Unternehmen am Leben erhalten erhalten können, sind die Altinvestoren.

Wie sich jeder leicht ausrechnen kann, ist die Kombination dieser drei Faktoren ziemlich explosiv. Oft wurde zudem das Cash-Mangement vernachlässigt: Benchmark Partners rühmte sich lange Zeit, keine einzige Aktie von Ebay je verkauft zu haben. Nun, jeder kann dazulernen.
Konkrete Anzeichen der Restrukurierungswelle sind das Anheuern von M&A-Spezialisten durch VCs, da Großunternehmen noch das ein oder andere Startup kaufen. Softbank ist gerade eifrig am Suchen. Nun, Großunternehmen kaufen in der Tat - aber nur zum richtigen Preis. Selbst attraktive Sektoren leiden. So werden Firmen, die auf optische Technologie setzen, laut VC-Zeitschrift "Red Herring" derzeit für durchschnittlich 20 Mill. $ akquiriert. Der Schönheitsfehler dabei: Im Durchschnitt wurden in sie 50-100 Mill. $ investiert.

Die Old Boys werden jetzt erst munter

Die Krise war natürlich vorhersehbar. Aber das hilft nur wenig. Die Stromkrise in Kalifornien war auch vorhersehbar und trotzdem fühlen sich die Einwohner hier derzeit wie in einem Entwicklungsland mit regelmäßigem Stromausfall.

Junge Unternehmer mit innovativen Ideen sind daher sehr nervös bei der Suche nach Geldquellen. Doch die Veteranen der VC-Industrie haben nicht zurückgesteckt. Sie sind gerade jetzt aktiv. Denn die Basisregel ist einfach: "Buy low, sell high". Also ist jetzt der beste Zeitpunkt, um einzusteigen.

Interessanterweise ist gerade jetzt auch das Finden von Geldgebern im Valley wieder wesentlich chancenreicher als anderswo. "Die Krise trennt die Spreu vom Weizen", sagen hier manche selbstbewusst. "Es ist der langerwartete Frühjahrsputz", sagen andere. Die Statistiken sprechen in der Tat dafür. Während im dritten Quartal 2000 die Investitionen in den USA nämlich insgesamt zurückgegangen waren, blieben sie im Valley mit 6,95 Mrd. $ nahezu konstant auf dem Niveau des zweiten Quartals. Der prozentuale Anteil des Silicon Valley konnte sich daher von 35% auf fast 40% verbessern.

Im Vergleich dazu ist die zweitgrößte Region, Boston, überproportional stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie mussten einen Rückgang von 13% auf 10% des US-Gesamtkuchens verkraften. Ähnliches gilt angeblich auch für Europa. Insider behaupten, viele Fonds seien in der Krise. Wie ein deutscher VC, der lieber anonym bleiben wollte, mir neulich bei einem Besuch im Valley sagte: "Europa war beim Internet-Boom zwei Jahre hinterher. Aber beim Internet-Bust ist es ganz vorne mit dabei".

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