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30.04.2003

07:14 Uhr

Die zweitgrößte Bank leidet unter den Folgen von SARS

Ein Tod und viele offene Fragen bei HSBC

VonFelix Schönauer

SARS hat die Hongkong and Shanghai Banking Cooperation (HSBC) schwer getroffen. Noch können Analysten mögliche Verluste schwer beziffern. Doch das Bankhaus, sonst Muster an Gelassenheit, reagiert nervös auf Anfragen von Analysten.

LONDON. Am vergangenen Dienstag starb die 34-jährige Eva Hui in Hongkong an den Folgen des Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS). Der Tod der jungen Frau beweist auf traurige Weise, dass die mysteriöse Lungenkrankheit Einzug in die Hongkonger Finanzwelt gehalten hat: Denn sie ist die erste Angestellte der Hongkong and Shanghai Banking Cooperation (HSBC), des zweitgrößten Bankkonzerns der Welt, die dem SARS-Virus zum Opfer gefallen ist. Die Bank erklärte eilig, dass sich Hui und die bis zu fünfzehn weiteren infizierten Angestellten das Virus nicht am Arbeitsplatz eingefangen hätten. Auch gebe es seit dem 8. April keinen neuen Fall.

Die Sorgen der Investorengemeinde minderte die Erklärung allerdings nicht. Wie kaum eine andere westliche Bank ist HSBC in der früheren Kronkolonie verwurzelt. Deutlich mehr als ein Drittel des Gewinns 2002 in Höhe von 9,6 Mrd. Pfund (ca. 13,9 Mrd. ) stammt aus Hongkong. In der chinesischen Stadt, für die HSBC als eine von vier Banken bis zum heutigen Tag die Geldscheine druckt, arbeiten allein 20 000 Angestellte. Seit ihrer Gründung 1865 ist die Gruppe einer der dominierenden Kreditgeber der Region.

Noch können Analysten mögliche Verluste schwer beziffern. Angaben über Hartnäckigkeit und Verbreitung des Virus variieren mitunter täglich. Doch HSBC, sonst ein Muster an Gelassenheit, reagiert eher nervös. Anfragen von Analysten handelt die englische Zentrale kurz ab, mit konkreten Aussagen hält sie sich zurück. Nur David Eldon, der Chairman für die asiatisch-pazifische Region, meldete sich kürzlich. Er habe eine Studie über SARS anfertigen lassen und an das Hauptquartier geliefert. Auch werde er beim nächsten Vorstandstreffen anwesend sein. Was er dem Board mitzuteilen hatte, behielt er für sich. Er hinterließ nur, dass die Krankheit die Wirtschaft in der Region schwer getroffen habe - und ließ der Phantasie der Marktbeobachter freien Lauf.

Deren Kalkulation fällt nun wie folgt aus: Erweist sich das Virus als hartnäckig, könnte es das Wirtschaftswachstum in der Region im laufenden Jahr mehr als halbieren. Das dürfte die Gewinne von stark engagierten Banken zwischen 8 und 10 % verringern. Das könnte vor allem durch Schneeballeffekte passieren: Schon jetzt hat der Verfall der Immobilienpreise in Hongkong dazu geführt, dass Hausbesitzer im Schnitt ein Viertel mehr für die Bedienung ihrer Kredite zahlen müssen, als ihre Häuser eigentlich wert sind (Negative Equity). Die US-Investmentbank Goldman Sachs kann sich vorstellen, dass sich 2004 der "Negative Equity"-Effekt noch verdoppelt. Liegen wegen SARS Geschäfte und Tourismus über längere Zeit brach, nimmt die Arbeitslosigkeit im Land zu. So steigt das Risiko von Kreditausfällen, was vor allem Institute wie den britischen Bankenriesen treffen wird.

Bezieht man den möglichen Rückgang in der Region auf das Ergebnis der gesamten Gruppe, könnte das SARS-Virus den Konzern in diesem Jahr rund 4 % seines Profits kosten, im nächsten Jahr vielleicht noch mehr. Schlimmer wäre nur eine Bank wie Standard Chartered betroffen, die sich noch stärker auf das Geschäft mit Schwellenländern (Emerging Markets) konzentriert. Bei Standard entstehen über zwei Drittel der Erträge in den Krisenregionen, was der Kalkulation zufolge einem Abschlag zwischen 6 und 7 % des Gewinns entspricht.

Ein optimistischeres Szenario gibt es freilich auch: Erweist sich das Virus als kurzlebiger als befürchtet, dürfte HSBC wohl keine Schwierigkeiten haben, von Analysten prognostizierte Gewinnzuwächse von 6 % je Aktie zu erreichen.

Die ungewöhnliche Unsicherheit, wenn es um HSBC geht, spiegelt sich auch in der Aktie wider. Zwar haben die Titel in drei Monaten gut 6 % zugelegt, weil der Konzern in anderen Regionen nach wie vor ein gutes Geschäft verzeichnet. Dennoch scheint es einen SARS-Abschlag zu geben. Das Papier erreichte im vergangenen Quartal nur knapp ein Drittel der Zuwächse anderen Banken im FTSE-Index. Wohl auch deshalb plädiert mehr als die Hälfte der in Bloomberg gelisteten Analysten nur für ein "Halten".

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