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14.01.2004

16:21 Uhr

Dienstleister gefragt

Autobranche braucht externe Ideengeber

VonJoachim Weber

Weil Hersteller die Modellvielfalt mit eigenen Ingenieuren kaum noch bewältigen können, sind Dienstleister gefragt. Trotz aktueller Flaute sehen Experten einen Wachstumsmarkt.

Im Vergleich zu ihren Kunden wie Mercedes oder BMW tragen sie wenig schillernde Namen: Sie heißen Edag, IAV, Bertrandt, IVM, Rücker oder AVL, und nicht einmal diese größeren Firmen der Branche sind außerhalb der Automobil-Welt bekannt.

Doch hinter den Kulissen haben die deutschen Ingenieur-Dienstleister als Zulieferer der Autoindustrie eine beachtliche Blüte erlebt. Und trotz der momentanen Flaute geben sich die Firmen zuversichtlich. Ihre Argumentation: Weil die Autohersteller die Zahl neuer Modelle und Varianten ständig erhöhen, bleiben externe Entwickler gefragt. "Der Trend zum Outsourcing wird sich fortsetzen", sagt Dietmar Bichler, Vorstandschef der Stuttgarter Bertrandt AG.

Firmen wie Bertrandt oder Edag verstehen sich als externe Ideengeber und Dienstleister, die zum Teil den gesamten Entwicklungsprozess von der Fahrzeug- oder Systemidee bis zur Serienreife beherrschen - einige dazu sogar die Fabrik- und Prozessplanung. Bis zum Jahr Jahr 2001 war das Wachstum der Ingenieursfirmen hoch, doch im vorigen Jahr bekamen auch sie die Probleme ihrer Kunden zu spüren. Noch ist keine Entlastung in Sicht. "Automobilhersteller streichen Entwicklungsbudgets und reduzieren die Fremdvergabe von Entwicklungsaufträgen", diagnostiziert die Unternehmensberatung Mercer.

"Markt vervierfacht sich"

Trotz des derzeitigen Sparkurses ist man sich in der gesamten Autobranche weitgehend einig, dass die Autohersteller die zunehmende Modellvielfalt mit den eigenen Ingenieuren kaum mehr bewältigen können - die Fahrzeugbauer weiten ihre Produktpalette aus, um die immer spezielleren Kundenwünsche erfüllen zu können. Diese Einschätzung bestätigt die Mercer-Studie mit der Prognose: "Der Markt für Entwicklungsdienstleistungen wird sich bis 2010 auf rund 35 Mrd. Euro weltweit vervierfachen."

Die großen deutschen Engineering-Dienstleister - an der Spitze die Fuldaer Edag AG mit zuletzt 399 Mill. Euro Gesamtleistung - haben diesen globalen Markt bereits im Visier. Zunächst sind sie ihren großen deutschen und europäischen Kunden an deren Auslands-Standorte gefolgt, inzwischen wollen sie auch Übersee-Kunden gewinnen. Edag- Ingenieure entwickeln für Toyota und Nissan, die Berliner IAV GmbH zeigt Flagge in den USA, Brasilien und Korea, Bertrandt hat sich nach Detroit gewagt.

Nischen für Erfolge

Kleinere Anbieter suchen den Erfolg in der Nische. Pgam Advanced Technologies aus Georgsmarienhütte ist Spezialist für Karosserie und Interieur, die Feldkirchener Alphaform AG konzentriert sich auf Prototypenbau, die Aachener FEV Motorentechnik entwickelt Systeme für den Antrieb. Andere betreiben ihre Geschäfte, indem sie Autoherstellern und großen Zulieferern qualifiziertes Entwicklungs-Personal für den Ausgleich von Belastungsspitzen anbieten.

Berater sehen bei den kleineren Anbietern Zukunftspotenzial - falls deren Positionierung stimmt. "Die kleinen und mittelständischen Entwicklungsdienstleister sind verstärkt gefordert, sich entweder als hochinnovative Spezialanbieter für einzelne Prozessbausteine oder als Komplettanbieter für spezifische Module zu positionieren", heißt es in einer Studie der HVB Consult.

Bertrandt-Chef Bichler aber sieht Ungemach auf kleinere Konkurrenten zukommen: "Mit wachsenden Auftragsumfängen und der längeren Vorfinanzierung der Projekte werden viele Ingenieur-Unternehmen in finanzielle Engpässe geraten, die sie mit ihrer geringen Eigenkapitalbasis kaum bewältigen können", sagt er. "Die Konsolidierung der Branche ist längst noch nicht abgeschlossen."

Die großen Entwicklungs- Dienstleister sind keineswegs so hochnäsig, ausschließlich mit den Automobilherstellern direkt zu kooperieren. Sie alle führen auch Zulieferer in den Kundenlisten, mit denen sie Auto-Subsysteme oder gar einzelne Komponenten entwickeln. "Wir machen rund ein Drittel des Umsatzes mit Systemlieferanten", bekennt Bertrandt.

Neue Probleme

Ingenieurfirmen nehmen bei der Auto-Entwicklung eine wachsende Rolle ein. Doch das macht ihnen nicht nur Freude:

  • Vorfinanzierung: Die Auftragsumfänge wachsen, die Autohersteller aber wollen weniger Zwischenzahlungen leisten. Beides stellt wachsende Anforderungen an die Finanzierungsfähigkeit der Entwickler.
  • Qualifikation: Zu den originären Ingenieur-Arbeiten kommen Aufgaben des Projektmanagements, der Organisation und der Abstimmung der Prozesse mit Herstellern und anderen Zulieferern. Das erfordert neue Qualifikationen in den Unternehmen.
  • Haftungsfragen: Mit größeren Anteilen am Designprozess bis hin zur Komplett-Entwick- lung übernimmt der Ingenieur zunehmende Verantwortung für Abläufe, Funktion und Kosten. Völlig neue Haftungsfragen entstehen.

Quelle: Handelsblatt Nr. 178 vom 16.09.03

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