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31.01.2003

09:29 Uhr

Dienstwagen-Steuer

Kommentar: Männer vor dem Nervenzusammenbruch

VonJan Keuchel

Der Kanzler will die Dienstwagensteuer erhöhen. Seither bewegen sich Deutschlands Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Staat muss sparen? Aber doch nicht bei mir.

"Wissen Sie", sagte neulich der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens zu mir (und er tat das mit vor Wut bebender Stimme), "wissen Sie, eher geht ein Hund an einem Stück Wurst vorbei als ein Sozialdemokrat am Geld anderer Leute." Sprach?s, stieg in seinen 60 000 Euro teuren Dienst-Mercedes und brauste davon.

Ich blieb ratlos zurück. Was hatte den armen Mann derart auf die Palme gebracht? Will der Kanzler uns etwa doch noch die Vermögensteuer aufzwingen? Oder macht er plötzlich gemeinsame Sache mit der PDS (und wir werden am Ende gar alle enteignet)?

Dann dämmerte es mir. Nein, nein, es ist noch viel viel schlimmer: Der Kanzler will die Dienstwagensteuer erhöhen.

Seither bewegen sich Deutschlands Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Staat muss sparen? Aber doch nicht bei mir. Die Sozialsysteme vor dem Finanzkollaps? Ist doch nicht meine Schuld. Ein Irak-Krieg droht? Ist mir zurzeit ziemlich egal. Hier bahnt sich schließlich ein viel schlimmerer Angriff an - auf das Herzstück unserer nationalen Identität. Auf das Grundrecht zur freien Auto-Wahl!

Und zwar durch eine Steuererhöhung, wie sie perfider, ja teuflischer gar nicht sein könnte: Denn je höher der Listenpreis des Wagens, desto höher die Abgabe. Ergo: Man kann sich die höhere Steuer leicht ersparen. Nur: Man muss dazu auf ein billigeres Auto umsteigen.

Die Apokalypse. Man stelle sich vor: Außendienstler, Geschäftsführer und Selbstständige müssten plötzlich wieder Autos fahren, die ihren finanziellen Verhältnissen entsprächen (denn mal ehrlich: Keiner von ihnen würde sich jemals privat so einen teuren Wagen leisten). Man stelle sich weiter vor: diesen armen Menschen fehlten auf einmal die nötigen PS, um sich mit Dauerblinker und Lichthupe die gepachtete Überholspur frei zu machen. Plötzlich könnten diese gebeutelten Steuerzahler ihre Manneskraft nicht mehr auf der Straße beweisen (ein echter Tiefschlag im Standortwettbewerb!). Kein Wunder also: Deutschlands Dienstwagen-Besitzern ist zum Heulen zu Mute.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend, Männer. Noch gibt es zwei Standhafte, die dem Verzichts-Kanzler Paroli bieten wollen. Der Edmund Stoiber und der Sigmar Gabriel. Eine länderübergreifende Allianz, die mit knallharten Fakten und uneigennützigen Absichten den Kanzler weich kochen will (und es offenbar auch schafft). Edmund Stoiber zum Beispiel hat sich errechnen lassen, dass rund 100 000 Autos in diesem Jahr weniger verkauft würden, wenn die Steuererhöhung kommt, und dass 10 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden - Quelle: Verband der Automobilindustrie. Das muss doch überzeugen. Ebenso natürlich wie die Seriosität der Absichten unserer zwei Ministerpräsidenten. Okay, BMW liegt in Bayern und Volkswagen in Niedersachsen. Aber kann man das den Herren etwa vorwerfen?

Zumal dann, wenn die Stimmung immer schlechter wird? Letzter Beweis gefällig? Erst kürzlich hörte ich, wie ein Vertriebler neben mir mit leisem Schluchzen einen Rilke-Vers variierte: "Wer jetzt noch keinen BMW hat, der will auch keinen mehr. Wer jetzt einen Opel fährt, der wird ihn lange fahren."

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