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27.07.2017

19:30 Uhr

Dieselskandal

Zulassungsverbot für Porsche-Modell

Der Dieselskandal weitet sich auf Porsche aus: Auch beim Modell Cayenne soll die Schummel-Software zum Einsatz gekommen sein. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verordnete einen Zwangsrückruf.

Porsche-Rückruf

Dobrindt: „Es gibt keine Erklärung für diese illegale Software"

Porsche-Rückruf: Dobrindt verhängt Zulassungsverbot für Porsche-Modell

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BerlinDie Krise der deutschen Autoindustrie verschärft sich: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat im Dieselskandal ein Zulassungsverbot für Modelle des Porsche Cayenne verfügt. Der Minister begründete diesen Schritt am Donnerstag mit einer illegalen Software für die Abgassteuerung, die in dem Fahrzeug verbaut sei. Es sei eine Technik festgestellt worden, die erkenne, dass ein Fahrzeug auf einem Abgas-Prüfstand stehe, erläuterte Dobrindt. In Tests springe dann eine „Aufwärmstrategie“ an, die im realen Verkehr nicht aktiviert werde. Der Bundesverkehrsminister hat damit erstmals ein Zulassungsverbot ausgesprochen.

Für europaweit 22 .000 bereits ausgelieferte Fahrzeuge des Cayenne 3 Liter TDI ordnete Dobrindt einen Pflichtrückruf an. In Deutschland seien 7500 Fahrzeuge betroffen. Die Kosten trage zu 100 Prozent der Hersteller. Die Fahrzeughalter müssten alle angeschrieben werden wie dies bei anderen Rückrufaktionen auch der Fall sei. Die Fahrzeughalter seien aufgerufen, ihr Fahrzeug zur Umrüstung zu bringen. Es gebe keine Erklärung dafür, wieso sich die Software in diesem Fahrzeug befinde.

Die Motoren stammen aus der Produktion von Audi. Zwischen den beiden Konzernmarken von Volkswagen hatte es wegen der Motoren zuletzt intensiven Streit gegeben. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück hatte Audi öffentlich Betrug vorgeworfen. Porsche verwies auf das eigene Mitwirken bei der Aufklärung. „Porsche hat bei internen Untersuchungen Unregelmäßigkeiten in der Motorsteuerungssoftware festgestellt und diese aktiv dem KBA dargelegt“, betonte ein Konzernsprecher. Die Unregelmäßigkeiten stünden nicht im Zusammenhang mit der Getriebesteuerungssoftware. Mit der Behörde wurde eine Korrektur durch ein Software-Update im Rahmen eines Rückrufes vereinbart.

Welche Schadstoffe im Abgas stecken

Stickoxide

Stickoxide (allgemein NOx) gelangen aus Verbrennungsprozessen zunächst meist in Form von Stickstoffmonoxid (NO) in die Atmosphäre. Dort reagieren sie mit dem Luftsauerstoff auch zum giftigeren Stickstoffdioxid (NO2). Die Verbindungen kommen in der Natur selbst nur in Kleinstmengen vor, sie stammen vor allem aus Autos und Kraftwerken. Die Stoffe können Schleimhäute angreifen, zu Atemproblemen oder Augenreizungen führen sowie Herz und Kreislauf beeinträchtigen. Pflanzen werden dreifach geschädigt: NOx sind giftig für Blätter und sie überdüngen und versauern die Böden. Außerdem tragen Stickoxide zur Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon bei.

Kohlenstoffdioxid

Kohlendioxid (CO2) ist in nicht zu großen Mengen unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Klimagas und zu 76 Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Der Straßenverkehr verursacht laut Umweltbundesamt rund 17 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen in Deutschland – hier spielt CO2 die größte Rolle. Es gibt immer sparsamere Motoren, zugleich aber immer größere Autos und mehr Lkw-Transporte. Außerdem mehren sich Hinweise darauf, dass Autobauer nicht nur bei NOx-, sondern auch bei CO2-Angaben jahrelang getrickst haben könnten.

Schwefeldioxid

Bei der Treibstoff-Verbrennung in vielen Schiffsmotoren fällt auch giftiges Schwefeldioxid (SO2) an. In Autos und Lkws entsteht dieser Schadstoff aber nicht, was am Kraftstoff selbst liegt: Schiffsdiesel ist deutlich weniger raffiniert als etwa Pkw-Diesel oder Heizöl und enthält somit noch chemische Verbindungen, die bei der Verbrennung in Schadstoffe umgewandelt werden.

Feinstaub I

Winzige Feinstaub-Partikel entstehen entweder direkt in Automotoren, Kraftwerken und Industrieanlagen oder indirekt durch Stickoxide und andere Gase. Die Teilchen gelangen in die Lunge und dringen in den Blutkreislauf ein. Sie können Entzündungen der Atemwege hervorrufen, außerdem Thrombosen und Herzstörungen. Der Feinstaub-Ausstoß ist in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre deutlich gesunken. Städte haben Umweltzonen eingerichtet, um ihre Feinstaubwerte zu senken.

Feinstaub II

Feinstaub entsteht aber nicht nur in den Motoren. Auch der Abrieb von Reifen und Bremsen löst sich in feinsten Partikeln. Genauso entstehen im Schienenverkehr bei jedem Anfahren und Bremsen feiner Metallabrieb an den Schienen. All das landet ebenfalls als Feinstaub in der Luft.

Katalysatoren

Katalysatoren haben die Aufgabe, gefährliche Gase zu anderen Stoffen abzubauen. In Autos wandelt der Drei-Wege-Kat giftiges Kohlenmonoxid (CO) mit Hilfe von Sauerstoff zu CO2, längere Kohlenwasserstoffe zu CO2 und Wasser sowie NO und CO zu Stickstoff und CO2 um.

Der sogenannte Oxidations-Kat bei Dieselwagen ermöglicht jedoch nur die ersten beiden Reaktionen, so dass Dieselabgase noch mehr Stickoxide enthalten als Benzinerabgase.

Eingespritzter Harnstoff („AdBlue“) kann das Problem entschärfen: Im Abgasstrom bildet sich so zunächst Ammoniak, der anschließend in Stickstoff und Wasser überführt wird.

Ein Sprecher betonte, dass erst einmal die Modalitäten des Zulassungsverbotes vorliegen müssten. Wenn das KBA das Software-Update abnimmt, würden damit auch die bestellten Fahrzeuge ausgerüstet. „Wir nehmen jeden Hinweis ernst und prüfen sorgfältig. Wenn es etwas gibt, was nicht ok ist, dann packen wir das an und bringen es in Ordnung“, kündigte der Sprecher an.

Die betreffenden Fahrzeuge stammen aus den Baujahren 2014 bis 2017. VW-Chef Matthias Müller wechselte 2015 von Porsche an die Spitze der Konzernmutter. Damit war Müller zur Zeit der Entwicklung der betreffenden Diesel-Modelle als Porsche-Chef an oberster Stelle verantwortlich. Das wirft wiederum kein gutes Licht auf die Glaubwürdigkeit des heutigen VW-Konzernchefs in der Dieselaffäre.

In der aktuellen Entwicklung erscheint auch die Schimpf-Tirade von Porsche-Betriebsrat Uwe Hück in einem neuen Licht: Hück hatte das Management der VW-Konzernschwester Audi in der „Bild am Sonntag“ scharf attackiert. „Ich werde es nicht zulassen, dass Porsche durch Tricksereien von Audi in Gefahr gerät“, sagte der oberste Belegschaftsvertreter von Porsche. „Eigentlich muss der Audi-Aufsichtsrat die Vorstände freistellen.“

Autoexperte Arndt Ellinghorst von Evercore ISI weist darauf hin, dass der Drei-Liter-Dieselmotor von Audi ebenfalls in den Porsche-Modellen Macan, Panamera, bei Audi im Q7, Q5, A8, A7, A5, A4 und bei Volkswagen im Touareg und im ausgelaufenen Phaeton verbaut wurde. Bei Porsche schätzt Ellinghorst die Produktion der betreffenden Dieselfahrzeuge auf 30.000 bis 35.000 Fahrzeuge. Falls sich das Zulassungsverbot auch noch auf die anderen genannten Modelle im VW-Konzern ausweite, schätzt der Autoexperte das Volumen der betroffenen Fahrzeuge auf jährlich 200.000.

Der „Spiegel“ hatte nach Hinweisen eines Insiders einen Porsche Cayenne testen lassen. Experten kamen danach zum Schluss, das Auto habe eine illegale Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung. Damals erklärte Porsche gegenüber dem Magazin, die Tests seien nicht nachvollziehbar. Trotzdem hatte das Verkehrsministerium das KBA beauftragt, dem Verdacht nachzugehen.

Porsche war im Zuge der Abgas-Affäre zuletzt auch stärker ins Visier der Stuttgarter Staatsanwaltschaft geraten. Die Behörde nahm vor rund zweieinhalb Wochen Ermittlungen wegen einer möglichen Manipulation der Abgasnachbehandlung an Diesel-Fahrzeugen auf. Sie richten sich gegen unbekannte Mitarbeiter des Autobauers und eines amerikanischen Tochterunternehmens. Es werde der Vorwurf des Betrugs und der strafbaren Werbung geprüft. Nähere Angaben machte die Staatsanwaltschaft zunächst nicht. Sie hatte im April 2016 Vorermittlungen aufgenommen.

Porsche: Auffälliger Abgastest alarmiert die Behörden

Porsche

Auffälliger Abgastest alarmiert die Behörden

Der Volkswagen-Abgasskandal könnte sich auf die Sportwagentochter Porsche ausweiten. Die Behörden ermitteln nun wegen Verdacht auf eine illegale Abschalteinrichtung. Grund dafür war ein auffälliger Abgastest.

Porsche plant, nach dem diesjährigen Sieg aus der Rennserie Le Mans bei den Prototypen auszusteigen, wie Motorsportkreise dem Handelsblatt bestätigten. Zuvor hatte die „FAZ“ darüber berichtet. Porsche hatte die stärkste und schnellste Kategorie der Rennserie zuletzt dreimal in Folge gewonnen. Allerdings war nach dem vorangegangenen Ausstieg von Audi in diesem Jahr nur noch Toyota als Gegner übrig geblieben. Auch das hat der Attraktivität des Wettbewerbs Abbruch getan.

Stattdessen plant Porsche den Motorsportkreisen zufolge den Einstieg in die Elektrorennsportserie Formel E.

Kommentare (6)

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Herr Matthias Moser

27.07.2017, 17:48 Uhr

Eigentlich wird dieser Motor auch im Tuareg und Q7 verbaut.

Herr Wael Slaibi

27.07.2017, 18:46 Uhr

Nicht nur da! Dieser Motor betrifft einen großen Teil der Audi-Flotte, sprich A4, A6, A8 und den Q5. Wieso fängt man da erst bei Porsche an? Hat wohl Kalkül!

Herr Günther Heck

27.07.2017, 19:12 Uhr

Da waren aber einige Softewareenginners am Werk. Und angeordnet wurde es auch.
Ein Schelm ist, wer nun Böses denkt.

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