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07.02.2002

00:00 Uhr

Disko, Fastfood, Klopapier

Olympisches Dorf bietet Alles für Alle

Wo wird ein großes Dorf über Nacht zur kleinen Stadt? Bei Olympia! Natürlich auch im Wilden Westen der USA, in Salt Lake City, Utah: Dort stehen den Wintersportlern aus aller Welt die Türen ihres Olympischen Dorfes weit offen.

dpa SALT LAKE CITY. Während der Winterspiele und der anschließenden Paralympics wird es bis Mitte März in dem weitläufigen Gebäudekomplex auf dem Universitäts-Gelände heiß hergehen. Die Dorf-Devise: Alles für Alle! Aber keine Angst: Geschlafen wird auch noch. Das hofft jedenfalls der große Chef. Denn unter die mehr als 3500 im Dorf erwarteten Athleten, Trainer, Mediziner und Offizielle aus über 80 Ländern wird sich erstmals in der Olympia-Geschichte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) persönlich mischen. Aber nicht einmischen. Jacques Rogge will einfach nur mittendrin sein und das Flair genießen.

"Das ist der beste Platz in der Stadt. Es ist ein Ort, wo Athleten aus allen Ländern, aller Religionen, aller ethnischen Gruppen, Sprachen und Kulturen in einer fantastischen Atmosphäre zusammentreffen", sagte der oberste Olympier. Nirgendwo anders könne man besser die Nöte und Freuden der Athleten verspüren. In der Nacht vor Beginn der XIX. Olympischen Winterspiele am 8. Februar wechselt der Belgier aus dem Luxushotel in eines der zwanzig Dorfhäuser, die auf einem historischen Militärgelände errichtet wurden. Seit elf Jahren gehört das einstige "Fort Douglas" der Utah Universität. Dort werden am Donnerstag auch die ersten deutschen Asse ihre Quartiere beziehen. Am Wochenende folgt mit den Eishockey-Teams der Frauen und Männer die erste große Anreisewelle der insgesamt 161 Athleten umfassenden deutschen Mannschaft.

Spartanisch geht es in der olympischen Athleten-Hauptstadt auf dem 30 Hektar großen Campus keineswegs zu. Die 2100 Zimmern in den für 120 Millionen Dollar neuerbauten Häusern im Appartement-Stil sind modern und zweckmäßig eingerichtet. 19,2 Quadratmeter im Durchschnitt für ein Zweibett-Zimmer müssen den Olympioniken reichen. Wer Platzangst bekommt wie vielleicht die bulligen Bobfahrer oder Eishockey-Cracks, der kann ja das Weite suchen: Auf der "Main Street" des Dorfes, der auch für die Öffentlichkeit zugänglichen International Zone, gibt es Bank, Waschsalon, Blumenladen, Friseur, Post, Fotogeschäft, Ticketservice und vieles mehr.

In der Residential Zone haben "Fremde" nichts zu suchen. Zutritt verboten! Die Zugangskontrollen sind strenger denn je; Besucher finden nur mit einer besonderen Einladung Einlass. Bewaffnetes Sicherheitspersonal und der Secret Service bewachen die drei Sperrgürtel und den 2,50 m hohen Maschendrahtzaun. Dennoch fand ein Mann ein Loch, schlüpfte durch - Sekunden später klickten die Handschellen. Der 48-Jährige wurde vorläufig festgenommen. Vorwurf: Unrechtmäßiges Eindringen auf ein Gelände nationaler Sicherheit.

In ihrer "private community" wollen die Dörfler unter sich sein, Beine und Seele baumeln lassen. Dort stehen ihnen zwei große Restaurants, Fitness-Center, medizinische Betreuung, ein Verwaltungsbüro, Transportmöglichkeiten und religiöse Treffpunkte zur Verfügung. Auch Fastfood-Fans kommen auf ihre Kosten. Und wie (fast) alles kosten Hamburger, Fritten und Coke die Dorfbewohner keinen Cent. Etwa 1300 Sitzplätze gibt es in den verschiedenen Restaurants.

Im Village Club kann jeden Abend der Bär toben: Disko ist angesagt. Spätestens um ein Uhr fällt allerdings der Hammer. Wer nicht tanzen will oder schlafen kann, der geht eben in die "Spielhölle", ins Kino oder zur Massage, ins Internet-Café oder einkaufen im Supermarkt. Geistige Nahrung gibt's im IOC-Museum. Sogar ein Schönheitssalon fehlt nicht.

Nichts geht in Amerika ohne Statistiken - schon gar nicht bei Olympia: So erfährt man, dass im Dorf während der beiden Events insgesamt 1 761 138 Meter Toilettenpapier abgewickelt werden sollen. Dies entspricht immerhin drei Mal der Längsausdehnung des US- Bundesstaates Utah. Über die Berechnungsgrundlage haben die Statistik-Weltmeister zwar nichts verraten. Aber eins dürfte klar sein: Im Dorf ist Papier nicht geduldig.

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