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26.01.2003

16:38 Uhr

Diskussionen in Davos

Wirtschaftselite drängt auf Reformen

VonChristoph Rabe

Wenn Europa und Japan fällige Reformen umsetzen und in den USA die Investitionslaune der Unternehmer wieder steigt, sehen die Perspektiven für die Weltwirtschaft gar nicht schlecht aus. Darin zeigen Wirtschaftspolitiker aus den drei Kontinenten Übereinstimmung. Den Irak-Krieg blendeten sie völlig aus.

DAVOS. Abgehoben von den konjunkturellen Risiken eines drohenden Irak-Kriegs diskutierten Politiker aus den USA, Japan und Europa in Davos die globalen Konjunkturaussichten. Ihr Fazit: Zwar stehen etliche Reformen noch aus, aber werden sie einmal angepackt, sind die Aussichten gar nicht so schlecht.

Wenn die USA ihre Unternehmensreformen durchsetzen, die Europäer ihre strukturellen Defizite bereinigen und die Japaner das Bankwesen nachhaltig reformieren, dann stehe einem globalen Aufschwung in den nächsten zehn Jahren wenig im Wege.

Strotzend vor Selbstbewusstsein präsentieren sich die USA. Handelsminister Donald Evans attestierte der US-Konjunktur trotz eines schwächeren 4. Quartals 2002 eine fundamental robuste Verfassung. "Ich blicke mit Zuversicht ins Jahr 2003", sagte er. Grundlage dafür bilden Evans zufolge die niedrige Inflation, die Serie von Wirtschaftsprogrammen sowie eine anhaltend hohe Produktivität. So könnten die USA wieder zur Konjunkturlokomotive der Welt werden.

Aus den Reihen der Wirtschaft wird dieser Optimismus bestätigt, wenn auch die entscheidenden Impulse für eine nachhaltige Belebung des US-Wachstums über die erwarteten 2 bis 3 % hinaus noch ausbleiben: Die Unternehmen halten ihre Investitionen zurück. "Uns treibt die Sorge um, dass den privaten Konsumenten, die das Wachstum zu zwei Dritteln tragen, die Luft ausgeht, bevor die Investitionsgüterindustrie wieder anspringt", sagte Cisco-Chef John Chambers.

Wohin ausbleibende Investitionen, nachlassende Nachfrage und Verfall der Preise ein Land treiben können, demonstriert Japan seit zehn Jahren. "Entweder die Regierung in Tokio rafft sich endlich zu durchgreifenden Reformen auf oder das Land treibt in eine Katastrophe", warnte Princeton-Professor Paul Krugman. Nissan-Chef Carlos Ghosn kritisierte: "In Japan gibt es viele Pläne, aber kaum einer wird richtig umgesetzt."

Japans Wirtschaftsminister Heizo Takenaka sagte, nach einer so langen Stagnation sei es schwierig, die Vitalität der Wirtschaft binnen zwei Jahren wiederherzustellen. "Es gibt keine Zauberformel, aber wir sehen die Zeichen des Wandels", sagte er.

In zwei Jahren will Japan wieder ein Wachstum von 2 % erreichen. Eine Voraussetzung ist die Beseitigung der faulen Kredite. Eine andere, das seit Jahren erkannte, aber nicht bewältigte Problem Deregulierung. Japan kopiert daher jetzt das Sonderzonenmodell von China. 400 Kommunen hätten sich bereits für das neue Deregulierungsprojekt beworben. Vom künftigen Zentralbankchef Japans, der in Kürze ernannt werden soll, erwartet Takenaka eine deutliche Erweiterung der Geldmenge, damit der Konsum wieder angeregt wird und Japan aus der Deflationsfalle findet.

Deflation ist inzwischen auch für Europa ein Problem, sagt der deutsche Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser. Deutschland könnte in einigen Sektoren schon davon betroffen sein. In Spanien dagegen bleibt die Inflation noch hoch: ein zunehmendes Problem für die Zinspolitik der EZB. Wie in Japan ist eines der Kernprobleme Europas das nachlassende Wachstum. Koch-Weser plädierte daher erneut für eine Überarbeitung des Wachstums- und Stabilitätspakts. Das Wachstum in der Euro-Zone wird Koch-Weser zufolge 2003 bei nur 1,5 % liegen und in Deutschland wahrscheinlich nicht über 1 % steigen.

Auch Frankreichs Wirtschaftsminister Francis Mer räumte ein zu langsames Reformtempo in Europa ein. Zugleich sei jedoch unübersehbar, dass in Frankreich und Deutschland das Bewusstsein für Reformen geschärft worden sei. Mer zeigte sich überzeugt, dass auch Europa wieder auf den Wachstumspfad einschwenken könnte, wenn sich die "psychologische Stimmung in der Bevölkerung" wandele. Die aber steht ganz im Bann des drohenden Irak-Krieges.

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