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02.04.2003

10:50 Uhr

Diversifikationseffekt bei Distressed-Investments

„Kummer-Anlagen“ verleihen dem Depot den letzten Schliff

VonFrank Wiebe

Wer investiert schon gerne in ein konkursreifes oder bereits zahlungsunfähiges Unternehmen? Zum Beispiel Matthew Haynes von der Fondsgesellschaft Franklin Templeton. Für seine Fonds, den Franklin Mutual European Fund und den Franklin Mutual Beacon Fund, sucht er nach "speziellen Situationen", die eine außerordentliche Wertsteigerung erwarten lassen.

DÜSSELDORF. Zu diesen speziellen Anlagen gehört auch das so genannte "Distressed Investment". Laut Wörterbuch ist darunter eine "erschütterte" oder "bekümmerte" Anlage zu verstehen. Diese Investments machen beim European Fund etwa 5 %, beim Beacon Fund bis zu 10 % des angelegten Vermögens aus, das ansonsten aus niedrig bewerteten Aktien und Bargeld besteht.

"Distressed Investment" ist also eine eigene Vermögensklasse. In den USA gehört sie nach einer Studie des Beratungsunternehmens Hennessee Group LLC zu den beliebtesten Anlagen im Bereich der Hedge Funds. Dort funktioniert der Einstieg häufig über den Aufkauf von Bonds oder Bankkrediten der gefährdeten Unternehmen. Wie groß der Markt ist, wissen auch die Experten nicht. "Das ist sehr schwer einzuschätzen", sagt Hans-Jürgen Eberling von der Euram Bank in Wien, die den "1794 Commodore Fund" vertreibt, einen 500 Mill. Dollar schweren Hedge-Fund mit mehreren Unterfonds, von dem etwa 35 % im Distressed-Bereich liegt. Eberling verteidigt seinen betont: "Die Möglichkeiten sind da" - wegen der schwachen Konjunktur weltweit fließe mehr Geld in den "Distressed-Bereich" als sonst.

Ein erfolgreiches Sanierungsbeispiel für die Franklin-Fonds, der kein Hedge-Fund, sondern ein normaler Investmentfonds ist, war Canary Wharf. Die Immobiliengesellschaft, die die Londoner Docklands in eine Bürostadt verwandelte, geriet in den 90-er Jahren in Schwierigkeiten. 1995 stieg Franklin mit seinen Fonds zu 25 % bei einer Auffanggesellschaft ein. In den kommenden Jahren wurde das Geschäft restrukturiert, der Londoner Immobilienmarkt erholte sich, und 1999 wurde Canary Wharf an die Börse gebracht. Gegenwärtig sind die Fonds in ähnlicher Weise an der britischen Kabelgesellschaft NTL beteiligt, die ebenfalls in Schwierigkeiten geraten ist.

Anlagestrategie mildert das Gesamtrisiko von Fonds

Die Philosophie von Haynes für den "Distressed"-Bereich ist relativ simpel. Gekauft werden Unternehmen, bei denen zu erwarten ist, dass sie entweder erfolgreich saniert werden können oder, sollte es doch zu einer Insolvenz kommen, die Vermögenswerte liegen deutlich über der Marktbewertung. Die Risiken dieses Investmentansatzes sind offensichtlich. Dennoch ist Haynes bei dieser Art der Anlage überzeugt davon, dass sie das Gesamtrisiko für seine Fonds mildert. "Es gibt kaum einen Zusammenhang mit anderen Börsenrisiken", betont er.

Auch Christian Hollenberg, geschäftsführender Gesellschafter der Orlando Management GmbH in München, stellt das eigenständige Profil dieser Anlageart heraus. "Es gibt nur wenig Korrelation mit dem Aktienmarkt", sagt er, schränkt aber ein: "Wenn es wirtschaftlich allgemein bergab geht, fallen auch die Preise für diese Anlagen."

Für Privatanleger ist der Einstieg nicht leicht

Wie Haynes sucht auch Hollenberg nach "speziellen Situationen" wie Umstrukturierungen, Fusionen oder Auseinandersetzungen im Gesellschafterkreis - und immer wieder kauft er auch gefährdete Unternehmen. Ein Beispiel ist der österreichische Autoteilehändler Forstinger, den Hollenberg und sein Team aus der Insolvenz heraus erworben haben. Dabei engagieren sich die Münchener nicht nur als passive Minderheitspartner, sondern treiben die Sanierung aktiv voran. Im vergangenen Jahr hat Orlando einen geschlossenen Fonds mit 163 Mill. Euro Volumen und zehn Jahren Laufzeit aufgelegt, an dem Versicherer und Bankkonzerne wie Goldman Sachs und Den Danske beteiligt sind.

Für Privatanleger ist der Einstieg in den Distressed-Bereich nicht leicht. Die Franklin-Fonds sind normale Investment-Produkte, der Commodore hingegen nimmt nur Kunden mit mindestens einer Million Dollar Anlagesumme. Es gibt aber Hedge-Zertifikate, bei denen ein kleiner Teil des Geldes in diesem Bereich steckt: Rund 3 % sind es zum Beispiel beim AI Global Hedge Zertifikat der Dresdner Bank.

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