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09.02.2001

12:24 Uhr

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Dosierte Profite

Nahrungsmittelkonzerne gelten als sichere Werte in stürmischen Börsenzeiten. Nicht nur konservative Anleger sind auf den Geschmack gekommen.

Auf diesen Zeitpunkt hatte Fondsmanager Michael Sieghart gewartet. "Essen müssen die Leute immer, und ihren Hund füttern sie auch", sagte er sich und behielt Recht. Im März vergangenen Jahres hatte das Techno-Fieber der US-Computerbörse Nasdaq und dem Neuen Markt in Frankfurt einen ungeahnten Höhenflug beschert. Börsenlieblinge wie Cisco Systems und Nortel Networks waren innerhalb kürzester Zeit zu Trendsettern einer globalen Wirtschaft geworden. Doch auf dem Gipfel der Börseneuphorie war plötzlich von einer Spekulationsblase die Rede, von Übertreibungen des Marktes und von einem ungesunden Wachstum. Was dann kam, ist bekannt. Die Technologiewerte fielen wie Bleikugeln vom Börsenhimmel.
Während die High-Tech- und Telekommunikationsfonds im vergangenen Jahr zum Teil mehr als 70 Prozent ihres Wertes verloren, stieg der von Michael Sieghart gemanagte DVG Pharma und Nahrung um 26 Prozent. "Da war viel Fluchtgeld auf dem Markt", sagt er rückblickend. Investoren begaben sich auf die Suche nach einem sicheren Hafen.
Nahrungsmittelaktien seien eigentlich rein defensive Werte, sagt der zur Deutschen-Bank-Gruppe gehörende Fondsmanager. Doch die Wertentwicklung der Brot-und-Butter-Papiere habe ihn selbst überrascht.
Nils Bartram, Analyst beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser in München, sieht für das gute Abschneiden der Nahrungsmittelaktien mehrere Gründe. Die Unternehmen hätten nicht nur von einer stabilen Weltwirtschaft profitiert, sondern auch von einem starken Dollar. Unilever übernahm die US-Unternehmen Slim Fast und Bestfoods, Nestlé erst vor kurzem den US-Tierfutterproduzenten Ralston Purina. Dadurch hätten die europäischen Konzerne ihre Bilanzen schon durch den harten Dollar, die Abrechnungswährung der Neuerwerbungen, aufpeppen können. Gleichzeitig beflügelte der niedrige Euro die Exporte. Für Rohstoffe mussten die Unternehmen im vergangenen Jahr deutlich weniger zahlen. Auf den Weltmärkten wurden Kaffee, Zucker und Kakao zum Teil auf mehrjährigen Tiefständen gehandelt.
Beflügelt wurden die Börsenkurse der großen Nahrungsmittelhersteller auch durch immer neue Restrukturierungsprogramme. "Es vergeht kein Tag, an dem die Unternehmen sich nicht umstrukturieren, sagt DVG-Fondsmanager Sieghart. Bestes Beispiel ist Unilever. Der Konzern hatte im vergangenen Jahr beschlossen, sich künftig auf 400 Einzelmarken zu konzentrieren. 1 200 Produkte flogen aus dem Sortiment.
Branchenkenner glauben allerdings nicht, dass der Boom der Nahrungsmittelaktien in diesem Jahr anhält. Nils Bartram von Hauck & Aufhäuser geht davon aus, dass die Papiere von Nestlé, Danone und Unilever bereits auf dem absteigenden Ast sind. Er hat deshalb die gesamte Branche auf "untergewichten" herabgestuft. Der Analyst befürchtet, dass die Exporte wegen des stärker werdenden Euros zurückgehen. Außerdem seien nach den hohen Gewinnen im vergangenen Jahr ähnliche Ergebnisse kaum mehr zu erwarten. Beispiel Danone: Der französische Nahrungsmittelhersteller hatte seinen Gewinn um mehr als 17 Prozent gesteigert.
Fondsmanager Sieghart sieht für diese Unternehmen im Jahr 2001 nur ein "einstelliges Wachstum". Die Großen der Branche managten ihr Produktsortiment, kauften und verkauften einzelne Marken, ansonsten tue sich nicht viel. Den Schweizer Branchengiganten Nestlé und den französischen Konkurrenten Danone sieht er eher skeptisch. Beide hätten ein zu buntes Marken-Programm. Dagegen sei die Strategie von Unilever schlüssig: die Konzentration auf wenige, starke Marken.
Die Ratingagentur Standard & Poor?s erwartet, dass der europäische Nahrungsmittelsektor stabil bleibt. Die Produkte verkauften sich auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gut. Durch die Übernahme von Ralston Purina sei Nestlé zum zweitgrößten Tierfutterproduzenten der Welt geworden. Der Bereich gilt als hoch profitabel und wachstumsstark. "Weltweit ist das Geschäft mit Tierfutter bedeutender als das mit Tafelwasser, Eiscreme und Frühstückskost", sagt Hugues des La Presle von Standard & Poor?s in Paris.
Michael Sieghart hat in seinem Fonds die Pharmatitel über- und die Nahrungsmittelwerte untergewichtet. Die Kursentwicklung schätzt er dennoch optimistisch ein. Die Nahrungsmittelwerte könnten sich auf hohem Niveau halten. "Die meisten Leute sind zwar auf Wachstum eingestellt, aber 15 Prozent Kursgewinn ist auch etwas Schönes", sagt er. Seine Favoriten sind die Brauereien Heineken und Interbrew. Beide hätten starke Marken , die sich besser als der Gesamtmarkt entwickelten. Chancen sieht er für die Aktie des Großbäckers Kamps, die in diesem Jahr kräftig zugelegt hatte, nach Bekanntgabe der jüngsten Geschäftsprognose aber ins Trudeln geriet. Verhalten optimistisch sieht er das Papier des Getränkeherstellers Pernot-Ricard, das bereits gut gelaufen sei. Das französische Unternehmen habe einen Teil des Getränkegeschäfts des nordamerikanischen Mischkonzerns Seagram übernommen. Die Frage sei, ob die Integration gelinge.
Von den jüngsten Zinssenkungen profitieren Nahrungsmittelhersteller nach Einschätzung der Experten wenig. "Nur weil die Zinsen wieder rückläufig sind, kaufen die Menschen ja nicht plötzlich drei Stück Butter mehr in der Woche", sagt Analyst Bartram. Die Verbraucher investierten eher in langfristige Güter wie Autos oder Häuser, und die Unternehmen in Maschinen und Software.
DVG-Fondsmanager Sieghart sieht durch das abgeschwächte Wachstum in den USA immer härtere Preiskämpfe auf die Nahrungsmittelbranche zukommen. Einzelhändler und Supermarktketten bildeten immer häufiger Einkaufsgemeinschaften. "Dadurch sind bereits Verträge mit niedrigeren Preisen ausgehandelt worden", sagt er. So etwas drückt die Margen und das Potenzial des Kurses.
Für spätestens Mitte des Jahres erwarten Bartram und Sieghart einen neuen Boom der Technologiewerte. Dann werde das Geld wieder aus den defensiven Aktien herausfließen. Allerdings fügt Fondsmanager Sieghart noch ein Aber hinzu: Bleibe die Unsicherheit im Markt, könnten die Nahrungsmittelaktien auch wieder zulegen.

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