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18.02.2002

00:00 Uhr

Dotnet gegen Java

Friede, Freude, Microsoft

VonThomas Knüwer und Sigrun Schubert

Überraschend beteiligt sich Microsoft bei einer Allianz, die Standards für den Datenaustausch im Web festlegen will. Ist dies die Absage an den Kampf von Dotnet gegen Java? Schwächelt Bill Gates?

HB SAN FRANCISCO. Blutig, dreckig, intrigenreich - so hatten sich Journalisten und Microsoft-Gegner den neuen Kampf des Bill Gates ausgemalt. "Ich will alles", legte das "Manager Magazin" dem Microsoft-Gründer in den Mund, "Ausfahren der Tentakeln", titelte der britische "Economist".

Microsoft mit seiner Dotnet-Strategie gegen die Anhänger der Programmiersprache Java, lautete die Partie - der Preis für den Sieger: die Marktführerschaft bei Web-Services und damit die Herrschaft über die Dolmetscherrolle zwischen Schreibtisch-Computer, mobilen Geräten, wie dem Handy, und der Unternehmenssoftware.

Doch in diesen Tagen reiben sich die geifernden Branchenbeobachter verwundert die Augen: Microsoft macht mit den Java-Anhängern IBM, Oracle, SAP und Bea Systems gemeinsame Sache. Sie wollen unter dem Namen "Web-Services Interoperability Alliance (WS-I)" schiedlich-friedlich Standards festlegen, wie die nächste Generation von Web-Software aussehen soll.

"Dass sich alle Teilnehmer, die sonst gar nicht freundlich miteinander umgehen, geeinigt haben, ist schon erstaunlich", meint John DiFucci, Analyst bei CIBC World Markets. Rob Enderle vom Marktforscher Giga glaubt nicht, dass es sich bei WS-I um eine reine Absichtserklärung ohne wirkliche Resultate handelt: "Wir sehen hier eine echte Initiative. Und Martin Häring, Marketing-Direktor bei Sun Microsystems Deutschland ergänzt: "Die Initiative zeigt, wie strategisch wichtig Web-Services sind."

Was veranlasst die Konkurrenten zu solcher Einigkeit? Es ist die Suche nach dem nächsten goldenen Kalb im Internet: Web-Services. "Sie werden das Internet einen Schritt voran bringen", sagt Neil Charney, Direktor der Dotnet-Strategie bei Microsoft.

Web-Dienste sollen vollautomatische Geschäftsprozesse über das Internet möglich machen. Sie sind maschinen-, also computerlesbare Internet- Seiten, die miteinander automatisch Daten austauschen. Beispiel: Die Einkaufs-Software eines Autoherstellers behält selbstständig die Lagerhaltung im Blick, bestellt Artikel nach und macht per Web sogar noch den günstigsten Zulieferer ausfindig. Eine andere Möglichkeit: Hat das Flugzeug eines Managers Verspätung, wird dies automatisch an seinen Kalender gemeldet. Der informiert die Geschäftspartner, neue Termine können automatisch abgestimmt werden - und das auf allen Geräten mit Internet-Anschluss, egal ob Laptop, Handy oder Fernseher.

Solche Dienste sind keine verschwommene Vision, sondern Realität. Bis zum Sommer werden 75 % aller Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Mill. $ in irgendeiner Art solche Anwendungen nutzen, ermittelten die Marktforscher der Gartner Group. Der große Durchbruch soll spätestens 2004 kommen. Schon heute kommt kaum ein Programm mehr auf den Markt, das nicht auf zentrale Server und Datenbanken zugreift. Sollen Außendienstler, Mitarbeiter von zu Hause, Kunden oder Zulieferer diese Anwendungen nutzen, ist die einfachste Möglichkeit die Anbindung an das Internet.

Darauf setzt auch Microsoft mit seiner im vergangenen Jahr verkündeten Dotnet-Strategie. Ziel: Alle elektronischen Alltagshelfer, vom PC über das Handy bis zum Fernseher, sollen über das Internet verknüpft werden. Jede irgendwo gespeicherte Datei soll von jedem Ort aus abgerufen werden könne. Dazu startete der Konzern in der vergangenen Woche den Verkauf seiner Programmierer-Software Visual Studio Dotnet - nun kann auch außerhalb von Gates Reich die Arbeit mit Dotnet aufgenommen werden.

Das Problem: In der IT-Welt von Unternehmen existieren meist zwei Welten. Auf der einen Seite Schreibtisch- PC und Internet-Bereich für Endverbraucher - sie basieren auf Windows. Auf der anderen Seite die großen Zentralrechner, die mit der Technologie von Herstellern wie Oracle oder Sun arbeiten. Windows bekam hier bislang kein Bein auf den Boden - Microsofts Produkte gelten als zu unstabil.

Um die Produkte der unterschiedlichen Hersteller - egal ob für Großrechner konzipiert oder aus dem Windows-Universum - zu verbinden, entwickelte Sun einst die offene Programmiersprache Java. Keine Patentlösung: Meist müssen die Java-Dolmetscher für jedes Unternehmen individuell angepasst werden - und das ist teuer. Für Microsoft war Java immer ein Dorn im Auge, denn der Markt für große Firmennetze ist äußerst lukrativ. Jüngst verbannte Microsoft die nach einer Kaffeesorte benannte Sprache sogar aus seinem neuen Betriebssystem Windows XP. Ein Problem für Unternehmen: Geht es um die PC und Laptops ihrer Mitarbeiter, müssen sie auf den Quasi-Monopolisten Microsoft setzen. Doch in ihren Zentralrechnern würde dabei eine nicht kompatible Sprache den Datenaustausch managen.

Für die Einkäufer in Unternehmen führt deshalb wohl kein Weg um Dotnet herum. Denn um das Firmennetz mit Kunden oder mobilen Mitarbeitern zu verbinden, ist der Programmieraufwand deutlich geringer als bei Java. Außerdem arbeiten viele kleine und mittlere Firmen auch mit Windows- Servern - und wären somit auch in diesem Bereich problemlos angebunden.

Nun sollen die beiden Welten Windows und Großrechner-Software zueinander finden. "Java und Dotnet werden miteinander arbeiten können", verspricht Dotnet-Direktor Neil Charney. Das Konsortium will zudem ein Gütesiegel entwickeln, das zeigen soll, wer sich den Standards anpasst.

Ganz ohne Reibungen werden die Systeme allerdings auch mit den Standards nicht zu integrieren sein, meint Giga-Analyst Enderle. "Aber der Kunde wird auf jeden Fall besser gestellt sein, als wenn es die Allianz nicht gäbe." Außerdem: Auch weiterhin werden Dotnet-Anwendungen Windows als Betriebssystem brauchen. Noch fehlt allerdings ein Mitglied im Club der Freunde: Sun Microsystems, der Erfinder von Java. Dass Sun zunächst zögerte, ist verständlich angesichts der Dauerfehde mit Microsoft. Doch Friede, Freude und Eierkuchen scheinen nah. Suns deutscher Marketing Direktor Häring rechnet mit der baldigen Teilnahme: "Derzeit werden die Unterlagen intensiv geprüft."

Die Friedfertigkeit der WS-I-Teilnehmer hat wirtschaftliche Gründe: "Der Markt wird nicht wachsen, wenn die einzelnen Anwendungen nicht über verschiedene Software-Plattformen hinweg miteinander kommunizieren können", sagt Giga-Mann Enderle. Müssten sich Unternehmen entscheiden zwischen Java oder Dotnet, würden sie vermutlich abwarten, wer die Schlacht gewinnt - und das würde beide Seiten viel Geld kosten. Das sieht auch Suns Marketing-Direktor Häring so: "Web-Services werden nur leben, wenn man sich auf Standards einigt."

Außerdem ist für Microsoft der Erfolg von Web-Services entscheidend für die Zukunft: Der hohe Aktienkurs kann nur mit Wachstum in neuen Bereichen gerechtfertigt werden. Und das verspricht sich Microsoft mit einer Virus-Strategie. Um die mit Windows arbeitenden PC auf den Schreibtischen der Mitarbeiter mit bestimmten Anwendungen zu koppeln, gilt Dotnet als einfachste und kostengünstigste Möglichkeit. Sind dank WS-I-Standards die Hindernisse für die Einbindung von Dotnet in Firmennetze aus dem Weg geräumt, wird so mancher IT-Entscheider grübeln, ob dies nicht auch die einfachere Variante ist, um die Computer der Mitarbeiter gleich mit dem Zentralrechner zu verbinden. Und dann, hofft wohl Gates, sinkt der Stern des Erzrivalen Java endgültig - trotz der WS-I-Allianz.

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