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08.01.2003

07:17 Uhr

Drei Viertel der gesamten Produktion geht ins Ausland – USA helfen und behindern

Export stützt Israels Waffenbranche

Vordergründig schreibt die israelische Rüstungsindustrie eine fast ununterbrochene Erfolgsgeschichte. Doch der Umbau und die Modernisierung der Branche stockt. Nur jede dritte Firma arbeitet privat.

hn TEL AVIV. Israel ist ein vergleichsweise kleines Land, doch die Rüstungsindustrie gehört zu den leistungsfähigsten der Welt. Jüngster Erfolgsnachweis der Branche ist das Raketenabwehrsystem Arrow (Pfeil), mit dem sich Israel auch vor möglichen Raketenangriffen des Irak schützen will. Das Arrow-System hat Modellcharakter: Es ist über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren von israelischen Wissenschaftlern entwickelt worden, die Entwicklungskosten von rund 2,2 Mrd. $ wurden jedoch zu 75 Prozent von den USA finanziert. Ohne die amerikanische Hilfe stünde die Branche heute nicht da, wo sie steht.

Mit dem Arrow-System hofft Israels Rüstungsindustrie, ihre Position auf den internationalen Märkten nun noch weiter ausbauen zu können. Immerhin rund zehn Prozent der weltweiten Waffenexporte stammen derzeit aus israelischen Firmen. Auf der Kundenliste der israelischen Waffenproduzenten stehen mehr als 70 Armeen, wobei die meisten Kunden aus Asien stammen. Dort werden mehr als die Hälfte aller israelischen Rüstungsexporte verkauft.

Wichtigster Kunde ist Indien, das für eine mögliche Konfrontation mit Pakistan gewappnet sein will. Auch das Nato-Land Türkei gehört zu den besten Abnehmern. So hat die staatliche "Israel Military Industries" (IMI) einen Auftrag zur Aufrüstung von türkischen Panzern an Land gezogen, die wie das israelische Erfolgsmodell Sabra auf dem US-Panzer M-60 basieren. Der Auftrag hat einen Wert von 688 Mill. US-$ und ist der bisher größte in der israelischen Geschichte. In den Auftragsbüchern taucht auch Indonesien auf, das bevölkerungsreichste muslimische Land, das keine diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält. Indonesien hat in Tel Aviv kürzlich unbemannte Flugzeuge (Drohnen) bestellt.

Es war ausgerechnet das französischen Waffenembargo im Jahre 1967, das der Industrie im Staate Israel entscheidend auf die Sprünge half. Die Regierung antwortete darauf mit einem ehrgeizigen Programm zur Entwicklung von Kampfjets, Panzern, Kriegsschiffen, Raketen sowie Elektronik, um die Streitkräfte von der Abhängigkeit ausländischer Lieferanten zu befreien. Weil die Verteidigungsausgaben des Staates mit rund 9 Mrd. $ zu klein sind, um eine eigenständige Waffenindustrie ökonomisch zu rechtfertigen, ist Israel seither jedoch auf Ausfuhren angewiesen. Deshalb gehen 75% der Rüstungsproduktion Israels in den Export.

Doch die Industrie ist von ernsten Strukturproblemen gezeichnet. Im weltweiten Maßstab sind die Firmen kleine Marktteilnehmer. Unter den weltweit 100 größten Rüstungsfirmen befinden sich lediglich fünf israelische Firmen. Israels Rüstungsindustrie wird von staatlichen Firmen dominiert, nur jeder dritte Hersteller ist privat organisiert. Und während sich die ausländische Konkurrenz neu aufgestellt hat, blieb die Struktur der israelischen Waffenbranche in den vergangenen Jahren praktisch unverändert. Lediglich Elbit und El-Op sowie Tadiran und Elisra fusionierten. Deshalb kommt es häufig zu Parallelprojekten, die sich das kleine Land eigentlich nicht leisten kann.

Das größte israelische Unternehmen, die Israel Aircraft Industries (IAI), setzt pro Jahr rund 2 Mrd. $ um. Zum Vergleich: Der weltgrößte Waffenkonzern Lockheed Martin aus den USA hat im Jahr 2000 für fast 20 Mrd. $ Rüstungsgüter verkauft. 2002 konnte IAI das Verkaufsvolumen halten. 35 % des Umsatzes stammt dabei aus dem zivilen Geschäft. IAI verfügt über Aufträge von gut 4 Mrd. $ - so viel wie noch nie, heißt es.

Ihren Erfolg verdanken Israels Waffenschmieden einerseits der jahrzehntelangen intensiven Zusammenarbeit mit den USA. Diese birgt andererseits aber auch Risiken. Bei öffentlichen Ausschreibungen von Rüstungsgeschäften stehen amerikanische und israelische Firmen oft im Wettbewerb. Als bedrohlich erweisen sich zudem immer wieder amerikanische Verbote gegen die Ausfuhr von US-Know-How. So musste Ex-Regierungschef Ehud Barak auf Druck der USA den Verkauf eines Spionageflugzeuges an China annullieren. Anfang Januar hat Israel schließlich alle Waffengeschäfte mit China "einfrieren" müssen. "Das ist ein neues US-Diktat", zitiert die Zeitung "Haaretz" einen Rüstungsfachmann.

Der dennoch intensiven rüstungstechnischen Kooperation mit den USA steht eine vergleichsweise bescheidene Zusammenarbeit mit europäischen Firmen gegenüber. Zu den wenigen Projekten gehört das Joint-Venture der israelischen Rüstungsfirma Rafel mit der deutschen Zeiss Optronik.

Quelle: Handelsblatt

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