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23.01.2002

19:00 Uhr

Durch den Handel eng miteinander verflochten.

Deutschland hängt am Tropf der USA

VonPetra Schwarz und Olaf Storbeck

Nach positiven Frühindikatoren wächst in Deutschland die Zuversicht, dass die US-Erholung auch die hiesige Wirtschaft schneller wieder in Fahrt bringt. Denn seit den 90er Jahren übertragen sich Konjunktur-Schwanken deutlich schneller. Die ersten Volkswirte schrauben ihre Prognosen nach oben.

HB DÜSSELDORF. Die US-Wirtschaft hat offenbar das Schlimmste hinter sich: Seit Wochen steigen die Konjunktur-Stimmungs-Indikatoren und mit ihnen die Prognosen der Volkswirte zum Wirtschaftswachstum - dieseseits und jenseits des Atlantiks.

"Der Abschwung in den USA hat die deutsche Wirtschaft unmittelbar getoffen", sagt Harald Jörg, Volkswirt bei der Dresdner Bank. "Wir gehen davon aus, dass ein Aufschung in den USA die deutsche Wirtschaft ebenfalls relativ gleichzeitig nach oben zieht."

Fakt ist: Seit einigen Jahren übertragen sich Konjunktur-Schwankungen aus den USA deutlich schneller nach Deutschland als früher. Zwischen beiden Ländern bestehe seit den 90er Jahren ein "enger Konjunkturzusammenhang", hat der Sachverständigenrat erforscht. Allerdings würden träfen negative Schocks aus den USA Deutschland stärker aus positive, so die "Fünf Weisen".

Die Optimisten unter den Ökonomen sehen sich durch die jüngste gute Nachricht aus den USA, den am Dienstag deutlich gestiegenen Index der Frühindikatoren bestätigt. "Es hat seit Oktober in den USA eine Menge positiver Überraschungen bei den Wirtschaftsdaten gegeben - zusammengefasst finden sie sich im Index der Frühindikatoren wieder," sagt Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Auch in der Euro-Zone mehrten sich gestern positive Zeichen: Der belgische Geschäftsklima-Index, der für die gesamte Euro-Zone Signalfunktion hat, ist im Dezember deutlich gestiegen. Vor allem in der Industrie und im Dienstleistungssektor hat sich die Stimmung verbessert. Auch in Großbritannien blicken immer mehr Unternehmer positiv in die Zukunft, ergab eine Mittwoch veröffentlichte Studie des britischen Arbeitgeberverbandes (CBI). Vor allem die Exportchancen werden wieder besser eingeschätzt.

Einige Volkswirte haben die guten Nachrichten zum Anlass genommen und ihre Prognosen nach oben korrigiert. Die US-Investmentbank Goldman Sachs rechnet nun für die USA mit einer annualisiersten Wachstumsrate von 2 % im ersten Quartal - genau wie Konjunktur-Experte Scheide vom IfW. Noch vor 14 Tagen lag die Goldman-Sachs-Prognose bei minus 1 %. Mit drei bis sechs Monaten Verspätung dürfte die Welle der neuen Zuversicht dann der Aufschwung auch nach Deutschland schwappen. Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, hat seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,4 % für das Gesamtjahr 2002 auf 0,7 % hochgeschraubt.

Schon im zweiten Quartal wird die Wirtschaft in Deutschland wieder wachsen, schätzt Andreas Cors, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Allein durch die realen Warenströme lässt sich der enge Zusammenhang zwischen der deutschen und der US-Wirtschaft nicht erklären. Nur rund 10  % aller deutschen Exporte gingen 2000 in USA. Hinzu kommt der so genannte Zweitrunden-Effekt: Wenn sich die US-Wirtschaft erholt, profitiert davon nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Ländern, mit denen wiederum enge Handelsbeziehungen bestehen.

Zudem sind seit den siebziger Jahren die Direktinvestitionen global agierender Konzerne dramatisch gestiegen - eine Flaute in den USA führt dann dazu dass die Deutschland-Töchter von US-Firmen ihre Invesitionen zurückfahren. Ein weitere wichtiger Faktor ist, dass die internationalen Aktienmärkte "heute viel enger miteinander verflochten", sagt Andreas Scheuerle, Volkswirt von der DGZ Deka Bank. Ein neuer Übertragunsmechanismus scheinen auch gleich laufende Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern in den USA und hier zu Lande zu sein. "Die Globalisierung verstärkt die Ansteckungsgefahr durch nationale Krisen", erklärt Klaus Zimmermann, Präsident des DIW. Von "Herdenverhalten", spricht Thomas Krämer, Chefvolkswirt bei Invesco Asset Management. "Zur gleichen Zeit werden die Lager gefüllt, springt die Produktion an und werden Konsumenten zuversichtlicher".

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