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15.02.2002

08:00 Uhr

E-Learning hat vom Siegeszug des Internet profitiert

Nachhilfe im virtuellen Klassenzimmer

VonIRENE DE MONTE-ROBL

Die Weiterbildung mit der Maus, das E-Learning, soll Kosten senken. Das funktioniert aber nur, wenn die Programme maßgeschneidert sind: Was Konzerne in der hauseigenen elektronischen Uni lösen, gelingt kleinen Firmen nur in der Kooperation.

Sie sitzt ein bisschen wackelig auf dem hohen Messehocker. Mit Skepsis im Blick lässt sich Daniela Schuon von einer NETg-Verkäuferin Weiterbildungskurse auf dem Computer demonstrieren. Schuon arbeitet in der Personalentwicklung des Gartengeräteherstellers Gardena. Sie soll sich auf der Learntec in Karlsruhe, der deutschen Fachmesse für Bildungs- und Informationstechnologien, nach E-Learning-Produkten, also Weiterbildungsmöglichkeiten via Computer, umsehen. Bisher hat Gardena für seine 2 300 Mitarbeiter nichts dergleichen eingesetzt. Aber langfristig wollen die Ulmer am PC lernen.

Nur wie? Über CBT (Computer Based Training), also über CD-Rom und Änliches? Oder über WBT (Web Based Training), also Kursangebote, die Mitarbeiter über Internet oder Intranet auf den Computer holen und dort abarbeiten können? Oder soll es das virtuelle Klassenzimmer sein, in dem ein Trainer live unterrichtet, der ebenso live Fragen beantwortet?

Vom Siegeszug des Internet - 90 Prozent aller deutschen Unternehmen sind im Netz - hat das E-Learning profitiert. Bis zum vergangenen Jahr. Da bremsten Firmenpleiten und Übernahmen die E-Learning-Euphorie auf dem Markt für Weiterbildungstechnologie. Dennoch: Nach einer IDC-Studie soll der europäische E-Learning-Markt im B2B-Geschäft von derzeit 665 Millionen US-Dollar auf sechs Milliarden US-Dollar im Jahr 2005 ansteigen, mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 82 Prozent.

Dem Kunden hilft die Prognose nicht weiter. Das Angebot ist unübersichtlich, schwer vergleichbar, und die Qualität ist nicht stabil. Alles Gründe für die niedrige Akzeptanz des E-Learning in Deutschland, glaubt Erwin Staudt, Geschäftsführer von IBM-Deutschland in Stuttgart. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen täten sich mit E-Learning schwer.

Die Wissenschaft stützt diese Überzeugung: Einer Studie der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität zufolge bieten kleinere Unternehmen fast gar keine und nur knapp 15 Prozent der mittelständischen Unternehmen mit 1 000 Mitarbeitern und mehr überhaupt E-Learning-Kurse an. Anders verhalten sich nur die ganz Großen: 33 Prozent der Konzerne setzen E-Learning-Tools ein. Studien von KPMG, Berlicon oder Mummert + Partner liefern sogar noch freundlichere Zahlen. Als Fazit bleibt: Die Großen gehen voran, die kleinen und mittleren Unternehmen hinken hinterher.

Multis wie Daimler-Chrysler in Stuttgart oder die Deutsche Bank in Frankfurt machen ihre E-Learning-Angebote über eine Plattform zugänglich - als Corporate-University. Registrierung, Buchung und Nutzung der Kurse werden auf einem Zentralserver im so genannten Learning Management System verwaltet. Im Idealfall sucht sicher der Mitarbeiter aus dem elektronischen Katalog den Kurs aus, loggt sich ein und arbeitet das Programm ab. So spart er die Kosten für die Reise zum Tagungsort und die Unterbringung, hat keinen längeren zeitlichen Ausfall und ist vielleicht sogar so engagiert, dass er die Weiterbildung in seiner Freizeit erledigt.

Doch der Teufel steckt im Detail: Bert Köhler, Deutschland-Chef der Frankfurter DBU, Deutsche Bank University, verweist darauf, dass ohne ausführliches Einführungsmanagement wenig Erfolg zu erwarten ist. Fehlt das positive Bewusstsein bei der Zielgruppe - den Mitarbeitern - und das klare Bekenntnis des Managements, wird die Plattform zur Fehlinvestition. Denn eine E-Learning-Plattform ist nicht ganz billig: Alleine für Prozesse und Masken, reine Technologiekosten also, fallen schnell 200 000 Euro an. IT-Verliebten erteilt Köhler eine Absage: Erstens müssten auch Laien das Programm bedienen können, zweitens brauche das Unternehmen nicht alles, was machbar sei.

Zu den Einsparungspotenzialen eines solchen Systems will sich Köhler nicht äußern. In der Weiterbildungsbranche werden gerne 30 Prozent Ersparnis und mehr genannt. Aber, so Köhler, E-Learning könne eine teure Einzelaktion sein, wenn die Weiterbildungsstruktur nicht passe. E-Learning sei auch nicht überall einsetzbar, insbesondere, wenn es um zwischenmenschliche Kommunikation gehe. Wie viele andere auch favorisiert der Frankfurter Weiterbildungsmanager den Methoden-Mix, das "Blended Learning", bei dem Computerstudien und Präsenztrainings sich ergänzen; E-Learning werde immer eine Mischung aus traditionellen und neuen Lernformen sein.

Was machen aber die Großen, wenn in Zeiten der Krise die Weiterbildungsbudgets knapp werden? Die E-Learning-Tools wandern in verkaufsnahe Bereiche, sagt Paul Maisberger von Maisberger & Partner, einem Münchner Kommunikationsberater. Wie bei SonyTrainNet. Dort werden virtuelle Klassenzimmer für die Produktschulung und Kundenbetreuung eingesetzt. Vor zwei Jahren ging Peter Wojtinnek ans Werk. Der Hintergrund: Sony muss rund 15 000 Leute pro Jahr in 20 Sprachen erreichen, um über die jährlich 300 bis 500 neuen Produkte zu informieren. Wojtinnek, Senior Manager für Technical Training in Europa, baute deshalb mit dem amerikanischen Plattformhersteller Centra für "eine kleinere siebenstellige Zahl"ein weltweites Netzwerk auf, das sowohl intern wie auch von außen über das Internet zugänglich ist. Mit diesem Vehikel kann er via Live-Training sowohl den eigenen Service, den Fachhandel wie auch die externen Kunden informieren.

Vorbei die Zeiten in denen man komplizierte Bedienungsanleitungen lesen musste? Zumindest für manche. Beispiel: Ein Mischpult für ein Musikstudio wird ausgeliefert. Der Benutzer loggt sich in das SonyTrainNet ein, nachdem er sich die Autorisierung durch Sony geholt hat. In einer Übersicht findet er eine Schulung zu seinem Gerät. Zur angegebenen Uhrzeit klickt sich der Kunde über seinen PC ein, sieht den Live-Trainer auf dem Bildschirm und kann ihm über Mikrophon Fragen stellen. Der Trainer antwortet unmittelbar. Alle anderen, die sich eingeklickt haben, hören mit. Per Kameraübertragung sieht der Kunde bewegliche Bilder aus der Umgebung des Trainers. Der kann also Demonstrationen live vorführen.

Für den Benutzer ist die Verbindung einfach und wirkungsvoll - vorausgesetzt, er hat vorher gelernt, wie er das System bedienen muss, räumt Wojtinnek ein. Mit zwei großen Fachhandelsketten habe Sony bereits gute Erfahrungen gemacht. Die Nachteile des Internet kann aber selbst Wojtinnek nicht ausschalten: Geschwindigkeit, Abstürze, nicht funktionierende Verbindungen, Zusammenbrüche bei Providern.

Macht angesichts solcher Größenordnungen für kleinere und mittlere Unternehmen E-Learning überhaupt Sinn? In der Branche werden Zahlen zitiert, dass Plattformsysteme sich erst bei 5 000 Leuten rentierten. Medienpädagoge Uwe Beck, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe und Mitbegründer der Learntec, differenziert: Man solle nicht auf die große Zahl schielen, sagt er, sondern auf die Einsparung. So hätten die Züricher ihre Straßenbahner über Simulationen geschult und dadurch zwei bis drei Straßenbahnzüge eingespart. Da sei es eben nicht um eine große Anzahl von Leuten gegangen, sondern um Geld.

Eine Lösung für kleinere und mittlere Unternehmen, die sich keine maßgeschneiderte Software leisten können, nimmt Formen an: Verbände und Industrie- und Handelskammern bündeln die Angebote im Online-Bereich. Mitte März wird der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK in Berlin mit seiner Online-Akademie eine PR-Offensive starten. Die Firma imc aus Saarbrücken wurde beauftragt, auf Bundesebene eine Plattform für Online-Produkte zu entwickeln.

Über den Server einer Hosting-Firma können lokale Industrie- und Handelskammern als zahlende Kunden Module abrufen, Programme schneidern und ihren Mitgliedern anbieten. Für den Anfang gibt es Kurse am PC für E-Commerce-Berater im Handwerk, Betriebswirtschaft, Projektmanagement, Office-Programme, Prüfungsvorbereitungen und Call-Center-Agent. Die kleineren und mittleren Unternehmen ihrerseits buchen nur die einzelnen Angebote, ohne selbst eine komplizierte Infrastruktur aufbauen zu müssen. Internet genügt und schon ist der IHK-Kurs auf dem eigenen Rechner abrufbar.

Bevor das Projekt anläuft, muss Aufbauarbeit geleistet werden. Gerade die kleineren Firmen wüssten häufig noch nicht, um was es bei E-Learning gehe, meint Martina Kurz. Deshalb würden sie entweder scheu abwarten oder leichte Beute für Berater. Als Managerin des DIHK-Projekts erhofft sie sich, mit der Online-Akademie Preisvorteile weitergeben zu können, Qualitätssicherheit zu schaffen und den Kammermitgliedern die Kosten und Fehler beim Aufbau einer eigenen technologischen Infrastruktur zu ersparen.

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