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15.01.2003

13:03 Uhr

Ein Dutzend weiterer Interessenten

Lufthansa testet Internet an Bord

VonMatthias Eberle

Die Lufthansa testet seit Mittwoch als erste Fluggesellschaft einen schnellen Internet-Zugang für Passagiere an Bord eines Linienjets. "Was wir heute als Weltpremiere erleben, ist vermutlich in wenigen Jahren Weltstandard", sagte der stellvertretende Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber in Frankfurt.

FRANKFURT/WASHINGTON. Die Passagiere im Jumbo "Sachsen-Anhalt", einer Boeing 747, können auf der Strecke Frankfurt-Washington fortan E-Mails senden und empfangen, sich in Firmennetze einloggen sowie im weltweiten Netz surfen. Die Nordatlantikroute der Lufthansa ist vorerst ein dreimonatiger Testlauf. Schon Mitte nächsten Jahres soll die von der Boeing-Tochter Connexion konzipierte mobile Hochgeschwindigkeits-Datenverbindung jedoch in rund 80 Langstrecken-Flugzeugen des Kranich-Konzerns zur Verfügung stehen.

Lufthansa-Vize Wolfgang Mayrhuber sprach von einem "neuen Kommunikationszeitalter im Weltluftverkehr". In wenigen Jahren werde das "fliegende Büro", das Lufthansa in erster Linie als Kundenbindungsprogramm sieht, vermutlich Weltstandard. "Die Vorhaltezeit unseres Vorsprungs wird wohl nur einige Jahre dauern", sagte Mayrhuber.

Connexion hat neben der Lufthansa bereits feste Verträge mit British Airways, der skandinavischen Fluggesellschaft SAS sowie Japan Airlines abgeschlossen. Darüber hinaus gibt es fast ein Dutzend weiterer Interessenten, die erst den Erfolg der Internet-Pioniere abwarten wollen. British Airways hat sich auch schon auf ein Startdatum für einen Modellversuch festgelegt - im Februar. "Das Interesse in Europa und Asien ist trotz der Luftfahrtkrise weiterhin sehr hoch", sagte Connexion-Chef Scott Carson.

Lufthansa hat in einer Kundenumfrage ermittelt, dass etwa die Hälfte aller Kunden Internet an Bord eines Flugzeugs begrüßen würde. Das von Boeing entwickelte System stellt den Internetzugang über Fernsehsatelliten her. Bisher stehen allerdings nur über den USA und dem Nordatlantik Satelliten in ausreichender Zahl zur Verfügung. Eine Erweiterung in Richtung Asien kann wohl frühestens in zwei Jahren stattfinden, weil es erst 2005 auch über dem Pazifik genügend Satelliten geben soll.

An den 380 Sitzen der "Sachsen-Anhalt" befinden sich Steckdosen für den Anschluss von Laptops. Unter der Deckenverkleidung wurden die Antennen für ein drahtloses Netzwerk, das so genannte Wireless LAN, verlegt. Die Technologie basiert auf einer flachen Spezialantenne, die auf dem Rücken des Flugzeugs installiert ist. Die Parabolanantenne sorgt dafür, dass die Datenströme an die Außenwelt übertragen werden können.

Lufthansa bietet den Passagieren über den Wolken einen Hochgeschwindigkeitszugang, der ähnlich schnelles Surfen erlaubt wie mit der etablierten ISDN-Technologie. "Unsere Kunden sollen an Bord genauso arbeiten können wie am Boden", verspricht Burkard Wigger, Leiter des FlyNet genannten Lufthansaprojekts. Vom neuen Breitbandzugang erhofft sich Lufthansa neben verbessertem Kundenservice auch Einsparungen. So erhalten die Piloten im Cockpit via Internet genauere Wetterprognosen. Sie sollen künftig Turbulenzen leichter umfliegen und überlastete Lufträume meiden können. "Das Internet bringt uns operationelle Vorteile, die sich in klingender Münze bezahlt machen werden", glaubt Lufthansa-Vize Mayrhuber.

Branchenschätzungen zufolge soll das Internet mithelfen, die Kosten pro Flugzeug und Jahr um mehrere 100 000 US-Dollar zu senken. Zunächst allerdings muss der Kranich-Konzern in Vorlage treten: Entwicklung, Einbau und laufende Unterhaltung dürften nach Expertenschätzungen mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag bei Lufthansa zu Buche schlagen. Die Einbaukosten belaufen sich - je nach Größe des Flugzeugs - auf bis zu 400 000 Dollar für jeden E-Mail-fähigen Jet. Ein Boeing-Sprecher sagte allerdings, verglichen etwa mit Investitionen, die in Flug-Entertainment-Systeme getätigt würden, sei das Internet an Bord kaum kostenintensiv. "Ein paar Business-Class-Gäste mehr auf jedem Flieger, und das Investment rechnet sich."

Umsonst ist der ehrgeizige Service für die Kundschaft allerdings nicht: Die Kosten für die gemieteten Satelliten müssen die Passagiere tragen. Für Boeings Breitbandangebot werden wohl bis zu 30 bis 35 Mill. Dollar Gebühr pro Strecke fällig. In ersten Reaktionen räumen Analysten der Breitbandtechnologie von Boeing weit bessere Chance ein als dem Konkurrenzmodell von Airbus, das keinen echten Online-Zugriff bieten kann, sondern auf eine Schmalbandlösung setzt. Im System des Airbus-Partners Tenzing Communications werden rund eine Million ausgewählter Internetseiten lediglich von Zeit zu Zeit aktualisiert.

Für renommierte Fluggesellschaften avanciert der Internetzugang zum neuen Prestigeobjekt, weil er die Chance bietet, wieder echte Unterscheidungsmerkmale zu anderen Carriern zu schaffen.

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