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10.01.2003

06:00 Uhr

Ein Vergleich der Überschussbeteiligungen ist nur mit vielen Einschränkungen aussagekräftig

Weniger Geld vom Lebensversicherer

Die Lebensversicherer können sich von den schwachen Börsen nicht abkoppeln und haben daher in der ganzen Breite ihre Gewinnsätze gesenkt. Allerdings haben die Kunden wenigstens keine Verluste erlitten. Wer einen Anbieter auswählt, sollte auf die Qualität der Kapitalanlage achten.

fw DÜSSELDORF. Der Marktführer zeigt dem Markt die Richtung an: Von 6,80 % senkt die Allianz Lebensversicherung ihre Überschussbeteiligung dramatisch auf nur noch 5,30 % - so wurde es Ende November für das Jahr 2003 verkündet. Damit liegt sie immer noch über dem Marktdurchschnitt und vor Wettbewerbern wie der Aachener und Münchener, die auf 5 % gesenkt hat. Im Jahr 2002 lag der Durchschnitt, wie ihn die Fachzeitschrift Map-Report ermittelt, noch bei 6,13 %, 1999 sogar bei 7,25 %, jetzt sind es nur noch 4,79 %.

Einige Versicherer waren der Allianz vorausgeeilt, viele folgten ihr. Aber nicht alle. Die Debeka behielt ihren Satz von 6,80 %. Das ist kein Zufall. Der Koblenzer Versicherer hatte den Versuchungen des Börsenbooms widerstanden und nie Aktien gekauft. Außerdem verfolgte er bei den festverzinslichen Papieren eine simple Strategie: möglichst lange Laufzeiten wählen und liegen lassen. So hatte der Versicherer, als die Zinsen sanken, noch alte Titel mit fetten Renditen im Portfolio. Irgendwann laufen die allerdings auch ab - und dann dürfte auch die Debeka reif sein für eine Senkung. Zurzeit liegt sie mit ihren aktuellen Sätzen auf Platz zwei hinter der Asstel, beim Durchschnitt seit 1998 sogar auf Platz 1.

Diese "Überschussbeteiligung" oder "Gewinnbeteiligung" ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente der Lebensversicherer. Deswegen versuchen sie auch, diesen Satz möglichst lange möglichst hoch zu halten. Angesichts der Baisse an den Aktienbörsen und Renditen bei erstklassigen Anleihen von nur noch gut 4 % erscheinen selbst die heute deklarierten Sätze vieler Anbieter noch als recht optimistisch.

Was der Markt aktuell nicht hergibt, müssen die Anbieter aus den Reserven nehmen. Da gibt es einmal Polster in den Kapitalanlagen. Bei vielen Versicherern steckten sie - legendär zum Beispiel bei der Allianz - in erster Linie im Aktienbestand. Doch sind diese Reserven mit dem Niedergang der Aktienkurse praktisch überall verschwunden. Teilweise haben sie sich sogar in "stille Lasten" verwandelt, weil manche Aktien mit Werten in den Büchern stehen, die über den aktuellen Kursen liegen. Der zweite Reservetopf sind die "Rückstellungen für Beitragsrückzahlungen", kurz RfB genannt. Dabei handelt es sich um Geld, das die Versicherer in früheren Jahren für die Kunden zur Seite gelegt, aber noch nicht ausgezahlt haben. Die Asstel ist zum Beispiel in diesem Punkt recht gut ausgestattet. Dieser Topf hat den Vorteil, dass er nicht direkt von der Börse beeinflusst wird - aber wenn er zu stark beansprucht wird, ist er irgendwann auch leer.

Die Aussagekraft der deklarierten Zinssätze darf nicht überschätzt werden, weil sie vor allem zeigen, wie gut die Kapitalanlage in der Vergangenheit lief - manchmal auch, wie aggressiv der Versicherer bereit ist, seine Reserven zu verbraten. Letztlich kommt es aber darauf an, wie gut der Versicherer künftig wirtschaftet. Große Anbieter wie Allianz, Hamburg-Mannheimer und Victoria haben in diesem Punkt grundsätzlich den Vorteil eines sehr professionellen Anlagemanagements. Das Beispiel Debeka zeigt, dass man in manchen Marktsituationen mit simplen Konzepten weiter kommt. Sollten die Börsen wieder anziehen, dann kann sich das Blatt jedoch wenden.

Zur Verwirrung der Anleger trägt bei, dass die in der Öffentlichkeit genannten Sätze nicht immer vergleichbar sind. Während viele Anbieter nur die laufende Überschussbeteiligung nennen ohne den so genannten Schlussgewinn, der erst am Ende der Laufzeit gezahlt wird, rechnen etwa die Hamburg-Mannheimer und die Victoria ihn dazu. MAP-Report-Chef-Redakteur hatte daher nach eigener Aussage einige Mühe, von diesen Gesellschaften die nackten Sätze ohne Schlussgewinn zu bekommen: 5 % für die Hamburg-Mannheimer, nur 4,5 % für die Victoria.

Dazu kommt: Die Prozentsätze beziehen sich nur auf das tatsächlich angelegte Vermögen des Kunden. Davon werden zuvor aber noch beträchtliche Kostenanteile abgezogen - je nach Unternehmen und Vertragstyp gibt es dabei starke Abweichungen. Als grober Anhaltspunkt können die Quoten der Verwaltungskosten und der Abschlusskosten gelten, mit denen vor allem Direktversicherer ohne Außendienst gerne Werbung machen. Bei diesen Quoten zeigen zum Beispiel Neue Leben, Europa, Hannoversche Leben und Cosmos gute Werte, aber auch die Debeka liegt nicht schlecht. Nach Ansicht von Jochen Specht, Analyst bei der Ratingagentur Assekurata, ist die Aussagekraft dieser Quoten allerdings gering. "Es kommt sehr darauf an, wie die Produktpalette zusammengesetzt wird und was der Versicherer in die jeweiligen Kostenpositionen hineinrechnet", sagt er. Eine schwer zurechenbare Größe ist zum Beispiel der Werbeaufwand, der bei Direktversicherern relativ hoch ausfallen kann.

Die Lebensversicherer müssen, wenn sie ihre Gewinnsätze senken, auch ihre Modellrechnungen anpassen, die sie den Kunden präsentieren. Specht und Poweleit glauben, dass diese Rechnungen jetzt sogar ein zu düsteres Bild zeigen, weil sie die augenblickliche schwache Kapitalmarktsituation widerspiegeln, die ja nicht so bleiben muss. In jedem Fall sollten Kunden die Rechnungen nicht zu ernst nehmen. Wichtiger ist die Grunderkenntnis, dass Lebensversicherer sich auf Dauer nicht von den Kapitalmärkten abkoppeln können.

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