Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.01.2003

09:05 Uhr

Einbußen sind für viele Spieler schon Realität

„Die Entwicklung ist gut für den Fußball“

VonStefan Hermann und Daniel Pontzen (Handelsblatt)

Es war in den Anfängen der Kirch-Krise. Ob er denn angesichts der Entwicklungen im Imperium des Leo Kirch beunruhigt sei, wurde damals Magnus Arvidsson, der schwedische Stürmer des Fußball-Bundesligisten Hansa Rostock, gefragt. "Leo Kirch", antwortete Arvidsson, "wer soll das denn sein?" Längst weiß auch der letzte Profi hier zu Lande, wer der Mann aus München ist. Aus der Kirch-Krise ist längst eine Finanzkrise des Fußballs geworden.

BERLIN. In einer Umfrage des Fachmagazins Kicker gaben 52,5 Prozent von 242 befragten Bundesligaprofis an, sie seien bereit, Gehaltskürzungen hinzunehmen, wenn ihr Verein in schwerer finanzieller Not sei. 12 Prozent sind gar zu Einbußen ohne Begrenzung bereit. Nur ein Viertel schloss Gehaltskürzungen kategorisch aus, 22 Prozent wollten sich nicht äußern. "Die Umfrage widerlegt eigentlich den Vorwurf, dass die Fußballprofis nur als Geld denken", sagt Thomas Hüser, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV. Herthas Manager Dieter Hoeneß spricht von einem "Lernprozess für die Spieler. Sie haben ein bisschen länger gebraucht, um sich diesen neuen Entwicklungen anzupassen".

Jens Todt, Mittelfeldspieler beim hoch verschuldeten Bundesligisten VfB Stuttgart glaubt, "dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich bereit wäre, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten". Außerdem sei die Krise ja nicht auf den Fußball beschränkt. "In vielen Branchen sieht es noch viel schlechter aus", weiß Todt.

Der Spielerberater Jörg Neubauer meint: "Die Darstellung, dass die Spieler nur auf die Kohle gucken, ist in den meisten Fällen einfach falsch." Zu seinen Klienten zählen nicht nur Topspieler wie Sebastian Deisler und Christoph Metzelder, die vermutlich auch weiterhin gute Verträge werden aushandeln können, sondern auch eher unbekannte Profis wie Marco Küntzel und Rayk Schröder. Man müsse bei diesen Spielern das Verständnis dafür wecken, "dass es nicht immer so weitergeht wie bisher", sagt Neubauer. Im Moment könne man das den meisten "vernünftig und gut erklären".

Einbußen sind für viele Spieler ohnehin schon Realität, allerdings sind die vertraglich fixierten Gehälter bisher meistens nicht betroffen. Energie Cottbus hat mit den Spielern Kürzungen von durchschnittlich fünf Prozent ausgehandelt. In Kaiserslautern hat der neue Vorstandschef René Jäggi gedroht, er werde die Hälfte der Gehälter einbehalten, wenn die Mannschaft nicht die nächsten beiden Spiele gewinne. Und beim Zweitligisten Union Berlin wollte Präsident Heiner Bertram die Bezüge pauschal um 20 Prozent kürzen. Die Spieler begehrten dagegen auf, und erst unter Vermittlung der Gewerkschaft VdV kam ein Kompromiss zu Stande. Er sieht einen Verzicht von de facto fünf Prozent vor.

"Das Problem ist, dass die Spieler zu den Schuldigen für die Misere gemacht werden", sagt VdV-Geschäftsführer Hüser. "Aber ich kenne keinen Spieler, der einen Fernsehvertrag ausgehandelt hat, und ich kenne auch keinen Spieler, der im Management eines Vereins die Aufgabe der Vermarktung übernimmt." Dennoch ist die Situation für die Profis vertrackt. "Die Position der Vereine ist sicher nicht schlechter geworden", sagt Dieter Hoeneß. Die Spieler, mit denen Herthas Manager zurzeit verhandelt, müssen sich auf Einbußen von 5 bis 20 Prozent einstellen. "Die Entwicklung ist sicher gut für den Fußball", sagt Hoeneß.

Gut ist sie zumindest für die Mitgliederentwicklung bei der Spielergewerkschaft. Seit dem Sommer haben sich 60 Profis neu angemeldet. Mehr als ein Indiz für die Unsicherheit in der Branche.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×