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03.01.2001

13:15 Uhr

"Eine Kuh, die Milch geben soll, können sie nicht schlachten"

Anwälte streben außergerichtliche Einigung mit EM.TV an

Die Anwälte von mehr als 250 enttäuschten EM.TV-Anlegern fordern nach eigenen Angaben Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe von dem Münchener Medienkonzern, streben aber eine außergerichtliche Einigung mit EM.TV an.

Reuters MÜNCHEN. Rechtsanwalt Andreas W. Tilp von der Kanzlei Tilp & Kälberer in Kirchentellinsfurt bei Tübingen will bis Ende des Monats Kontakt mit EM.TV aufnehmen, wie er der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch sagte. Auch die Kanzlei Rotter in Grünwald bei München schließt eine außergerichtliche Einigung nicht aus, bereitet zeitgleich aber eine Klage vor. EM.TV war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mehr als 100 Anleger hätten sich an die Anwaltskanzlei Rotter gewandt, sagte Rechtsanwalt Franz Braun. Ihnen seien Schäden von fünf Millionen DM entstanden. Tilp & Kälberer liegen nach eigenen Angaben 150 weitere Fälle vor, die Forderungen der Anleger summieren sich auf rund zehn Millionen DM.

Rechtsanwalt Tilp wirft EM.TV konkret zwei Verstöße vor: In einer Pflichtmitteilung an die Börse sei noch im Oktober 2000 von einem Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 560 Millionen DM die Rede gewesen. Sechs Wochen später habe EM.TV den Wert auf 50 Millionen DM gesenkt. Zum anderen habe Vorstandschef Thomas Haffa nach der Kapitalerhöhung im Oktober 1999 die Haltefrist nicht eingehalten, als er im Januar und Februar 2000 für rund 40 Millionen DM eigene Aktien verkauft hatte. EM.TV hatte erklärt, das sei mit der konsortialführenden WestLB abgesprochen gewesen. Ziel sei eine außergerichtliche Einigung, sagte Tilp. "Eine Kuh, die Milch geben soll, können sie nicht schlachten". Über das Ergebnis einer Einigung würde Stillschweigen bewahrt.

Die ebenfalls auf Kapitalmarktverfahren spezialisierte Kanzlei Rotter hat nach Angaben Brauns noch nicht entschieden, ob sie im Namen ihrer Mandanten Schadenersatzklagen einreichen will. "Wir arbeiten fieberhaft daran, es spricht viel dafür", sagte der Rechtsanwalt. Die entstandenen Schäden lägen zwischen 1000 DM und mehreren Millionen DM. Es kämen immer mehr Anleger hinzu. Geplant sei eine Musterklage, eine außergerichtliche Einigung sei aber auch nicht unwahrscheinlich, sagte Braun. Ob man sich bereits nächste Woche an EM.TV wenden werde, sei offen. Die bearbeitenden Anwälte sind zurzeit im Urlaub. Den Anspruch auf Schadenersatz leitet er unter anderem aus dem Aktiengesetz ab, das Kursbetrug unter Strafe stelle.

Rechtsexperten halten zivilrechtliche Ersatzansprüche von Aktienkäufern nach der gegenwärtigen Rechtslage in Deutschland für schwer durchsetzbar. Rechtsanwalt Tilp sieht dennoch eine Welle von Forderungen auf Unternehmen am Neuen Markt zukommen. Allein seine Kanzlei prüfe derzeit Ansprüche gegen 20 Firmen.

Die Münchener Staatsanwaltschaft ermittelt seit Dezember strafrechtlich gegen EM.TV. Den Vorständen Florian und Thomas Haffa wird unter anderem Insiderhandel vorgeworfen. Kurz vor Weihnachten war die EM.TV-Zentrale in Unterföhring durchsucht worden. Die niederländische Bank ABN Amro bekräftigte unter Hinweis auf die Schadenersatzforderungen am Mittwoch ihre Verkaufsempfehlung für die EM.TV-Aktien.

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