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29.01.2002

10:03 Uhr

Einfache Lebensweise Garant für langes Leben

Sardinien ist das Paradies der über 100-Jährigen

"Ciao bella, ciao!" Wenn er Gäste begrüßt, erhebt sich Giovanni Frau noch immer gerne aus seinem Sessel nahe am Küchenkamin, wo er einen Großteil des Tages im Halbschlaf verbringt.

afp ORROLI. Auch wenn der Sarde nicht mehr gut sieht und hört, sein Händedruck ist herzlich und sein Lebensgeist noch wach. Geboren am 31. Dezember 1890, ist der in Sardinien lebende Mann mittlerweile 111 Jahre alt - und damit der älteste Mensch in Europa.

Die italienische Mittelmeerinsel ist ein Paradies fürs Älterwerden: Nirgendwo leben mehr 100-Jährige als auf Sardinien, wie die Medizinische Fakultät von Sassari angibt. Hier seien von einer Million Einwohner durchschnittlich 135 mehr als 100 Jahre alt, in Ländern wie Dänemark und Großbritannien gerade mal 70 bis 80. Ende 1997 zählte Sardinien 222 über 100-jährige Inselbewohner, sagt Professor Luca Deiana, Biologie-Professor an der Universität in Sassari.

Die sardische Langlebigkeit hat inzwischen die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich gezogen: Etliche Forschungsprogramme, insbesondere in der Genetik, versuchen das Geheimnis zu lüften. "Wenn wir verstehen, wie ein Mensch leben muss, um 120 Jahre alt zu werden, verstehen wir auch, wie wir Krankheiten besiegen können", sagt Deiana. Sein 30-köpfiges Team studiert seit 1996 die Geburts- und Sterbeurkunden aller sardischen Dörfer und Städte auf der Suche nach langlebigen Senioren. Mit verschiedenen Tests wurden ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten festgestellt und ihre Gene auf Besonderheiten geprüft.

Forscher finden kein sardisches "Langlebigkeits-Gen"

Das Ergebnis der Studie: Nicht die Gene, sondern der einfache Lebensstil hält Körper und Geist vieler Sarden bis ins hohe Alter fit. "Umwelt, körperliche Aktivität, saubere Luft, ausgewogene Ernährung, frisches Quellwasser und ein stabiles Familien- und Gefühlsleben" nennt Deiana als wichtigste Garanten für langes Leben.

Auch der sardische Forscher Mario Pirastu, der die Bewohner von zwei sardischen Dörfern sechs Jahre lang studiert hat, glaubt nicht an ein spezielles sardisches Langlebigkeits-Gen. Menschen aus lange abgeschotteten Regionen wie Sardinien, Finnland oder Island seien zwar im Vorteil, weil ihre Isolation sie vor Krankheiten schützte. Wichtiger scheinen ihm jedoch die Lebens- und Essgewohnheiten zu sein: "Es stimmt schon, dass diese Menschen niemals Nutella gegessen haben", betont er mit Blick auf heutige Ernährungsgewohnheiten.

Doch auch ein asketisches Leben scheint kein Garant für das lange Leben: Giovanni habe immer gut und reichlich gegessen, versichert seine 65-jährige Tochter Stefanina. "Milchkaffee und Brot zum Frühstück. Schwein und Lamm zum Mittag ... und immer ein bißchen Wein." Noch heute könne er nicht auf Süßigkeiten verzichten, sagt sie. Ihr Vater nimmt sich währenddessen die nächste Praline aus der Konfektschachtel.

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