Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.08.2000

20:49 Uhr

Einfluss auf das Image der Konzerne

Index-Umschichtungen bewegen Kurse

Europas Börsenindizes werden neu berechnet. Analysten rechnen mit Umschichtungen in Milliardenhöhe. Anleger sollten wachsam sein.

mm/qdt DÜSSELDORF. Der Indexbetreiber Stoxx versetzt die Finanzwelt in Aufregung. Mutig schneidet die Gesellschaft alte Zöpfe ab und beschreitet bei der Berechnung ihrer Aktienindizes neue Wege. Im Juli hat der Aufsichtsrat beschlossen, die Stoxx-Börsenbarometer nur noch anhand der frei handelbaren Aktien zu gewichten und nicht mehr auf Basis der gesamten Marktkapitalisierung. Dadurch sinkt die Bedeutung von ehemaligen Staatsunternehmen wie Deutsche Telekom oder France Télécom in den Indizes deutlich.

Diese Gesellschaften bringen zwar eine enorme Kapitalisierung auf die Waage, doch oft können die Anleger nur einen Bruchteil der an der Börse gelisteten Aktien frei handeln. So liegt der Streubesitz der Deutschen Telekom derzeit nur bei rund 40 Prozent. Neben den Ex-Monopolisten zählen auch andere Unternehmen mit hohem Festbesitzanteil wie Allianz oder Münchener Rück zu den großen Verlierern der Stoxx-Reform.

Indessen reiben sich die neuen Gewinner die Hände: Im Euro-Stoxx-50 zählen dazu Telekomausrüster, Technologieaktien und Ölwerte. So profitieren Nokia, Totalfina, Royal Dutch, Alcatel und Siemens von der Neuregelung. Mehreren Unternehmen droht jedoch nicht nur ein herber Gewichtsverlust, sondern sie müssen aller Voraussicht nach sogar ihren Platz in den Indizes räumen. So werden der belgische Versorger Electrabel (Streubesitz 55 Prozent) und der deutsche Einzelhändler Metro (Streubesitz 40 Prozent) wohl aus dem Euro-Stoxx-50 absteigen.

Entscheidung fällt am 15. August

Der Index bildet die Wertentwicklung der wichtigsten Standardwerte in Euroland ab. Aufsteigen dürften dagegen der französische Nahrungsmittelkonzern Danone und die italienische Bank San Paolo-Imi. Im Stoxx-50, dem Marktbarometer für die Blue Chips in ganz Europa, müssen voraussichtlich der Versorger Enel, die Telekommunikationsgesellschaft KPN und Unilever ihre Plätze räumen. Als Nachrücker stehen der Pharmkonzern Astra-Zeneca, die Bank BNP-Paribas und der Versicherer CGNU bereit. Die endgültige Entscheidung über Auf- und Abstieg trifft der Stoxx-Aufsichtsrat am 15. August.

Die Umgewichtungen beeinflussen nicht nur das Image der Großkonzerne, sondern bringen auch die Aktienkurse massiv in Bewegung. Denn große Investmentfonds, die sich an den Indizes orientieren, müssten solche Papiere abstoßen, um ihre Portfolios an das niedrigere Gewicht anzugleichen. Da die Familie der Stoxx-Indizes zu den wichtigsten europäischen Marktbarometern zählt, rechnen Analysten mit Milliarden-Umschichtungen bis zum 18. September. Dann tritt die Aufsichtsratsentscheidung in Kraft.

Die Kursturbulenzen dürften bis zu diesem Datum anhalten - obwohl die Spekulationen um höhere und niedrigere Gewichtungen zum Großteil bereits in den Kursen der betreffenden Titel eingepreist sind. So genannte Index-Tracker - also Fonds, die mit ihrem Portfolio einen Index exakt nachbilden -, dürfen ihre Investitionen jedoch erst nach Vollzug der Neugewichtung anpassen.

Lob für Stoxx

Andere Fonds, die die Börsenbarometer lediglich als Orientierungsmarke und Vergleichsmaßstab nutzen und aktiv gemanagt werden, dürften dagegen bereits früher aktiv werden. Allerdings ist es den passiven Fonds möglich, einen indirekten Weg zu wählen: Sie können in einem anderen, aktiv gemanagten Fonds des Hauses Positionen aufbauen. Anschließend verkauft der eine Fondsmanager dem anderen die Titel. Jedenfalls rechnet die Investmentbank J.P. Morgan bis Mitte September mit Kursschwankungen von bis zu zehn Prozent bei den betroffenen Werten.

Fondsmanager loben den Mut von Stoxx. Vor allem die Index-Tracker hatten die bisherige Berechnungsmethode auf Basis der gesamten Marktkapitalisierung scharf kritisiert. Die Portfoliomanager beklagten, dass sie ihre Investments an der Gesamtzahl der notierten Aktien ausrichten müssen, obwohl am Markt nur der Streubesitz wirklich gehandelt wird. Das führt nach Meinung der Kritiker zu einer systematisch aufgeblähten Nachfrage und damit zu überhöhten Kursen.

Druck auf andere Index-Betreiber

Mit seiner Entscheidung pro Streubesitz reagiert Stoxx nicht nur auf die Bedürfnisse der Kunden, sondern setzt auch die anderen Index-Betreiber unter Druck. Mittlerweile haben die Briten angekündigt, ihren FTSE-Index im nächsten Jahr nach dem Stoxx-Vorbild umzugewichten. MSCI, der wichtigste Anbieter paneuropäischer Indizes, zögert zwar noch; doch Analysten gehen davon aus, dass die Gesellschaft dem Trend bald folgen wird.

Wenn der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse am 8. August über die Zusammensetzung der Marktbarometer entscheidet, steht auch das Thema Streubesitz auf der Tagesordnung. Bislang hat die Frankfurter Börse dieses Konzept mit dem Argument, die Datenbasis reiche für eine kontinuierliche Streubesitzberechnung nicht aus, abgeschmettert. Doch nun scheint das Datenproblem gelöst zu sein. Stoxx hat offensichtlich die notwendige "dynamische Zuverlässigkeit" der Streubesitzangaben durch verstärktes Research erreicht, und die Deutsche Börse scheint von der Machbarkeit einer Neugewichtung überzeugt.

Außerdem haben die Frankfurter als Miteigentümer von Stoxx die Beschlüsse von Anfang Juli mitgetragen. Noch ist aber offen, ob der Arbeitskreis bereits bei seiner nächsten Sitzung eine Entscheidung trifft. Einige Beobachter rechnen mit einer Verschiebung des Beschlusses in den Dezember. Andere erwarten zwar eine schnelle Entscheidung pro Streubesitz, gehen aber davon aus, dass die Neugewichtung nicht sofort, sondern erst ab Jahresende in Kraft tritt.

Eine Neugewichtung würde auch den Dax und die Nebenwerte im MDax sowie im Nemax 50, dem Kursbarometer des Neuen Marktes, kräftig durcheinander wirbeln.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×