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29.01.2003

11:30 Uhr

Einsparpotenzial von 50 Prozent pro Team

Die 30-Millionen-Dollar-Investition

VonElmar Brümmer (Stuttgart)

Neue Regeln, neue Hoffnung, neue Probleme: Die Formel 1 spekuliert über die Folgen des künftigen Regelwerks, die schon als "Traktorisierung" verspottet wird.

Wie notwendig die Formel 1 die neuen Rezepturen aus dem "Reformhaus Mosley" hat, zeigte eine Meldung aus der vergangenen Woche: Eddie Irvine, Prototyp aller Rennfahrerklischees, muss nach zehn Jahren seinen unfreiwilligen Abschied kundtun. Zum Schluss hatte der 37-Jährige dem Jordan-Rennstall sogar angeboten, ein Jahr lang umsonst zu fahren. Doch das Team aus der hinteren Mittelklasse, bei dem nur das Kleeblatt im Wappen an glückliche Tage erinnert, musste ablehnen. Gut gemeint, aber Irvine hätte nicht bloß verzichten müssen, sondern auch reichlich Liquides mitbringen sollen. Um den letzten freien Sitz in der Formel 1 liefern sich jetzt zwei Brasilianer ein Rennen, besser gesagt: deren Mitgiftverwalter.

Der Casus Irvine vereint sechs Wochen vor Saisonbeginn die beiden beherrschenden Sorgen der PS-Branche in sich: Einbußen auf den Konten wie beim Unterhaltungswert. (K)ein Zufall, dass auch Bernie Ecclestones Lieblingsprojekt, das digitale Pay-TV, seine Zelte nicht mehr im Fahrerlager aufstellen wird. Fruchtbarer Nährboden für die Spar-Formel des Automobilweltverbandes FIA, die im zweiten Anlauf von den Teamchefs dann doch durchgewinkt wurde.

Wie lebt die Formel 1 mit den neuen Regeln, fährt auch der Zuschauer damit besser? Man hat sich nach dem ersten Schock in einer eiligen Machbarkeitsstudie darauf verständigt, dass die Radikalreform als sanfte Revolution beginnt. Die millionenteure Software, von vielen Teams gerade erst angeschafft, darf sich noch bis Mitte Juli amortisieren, erst dann muss sie aus den Rennwagen auf den Sondermüll entsorgt werden.

Diese Kompromiss-Formel war das, was die Automobilhersteller und ihre verlängerten Rennstall-Arme dem rigide auftretenden FIA-Präsidenten Max Mosley abringen konnten. Die Regelhüter haben sich zwar etwas erweichen lassen, sind aber nicht von den Grundprinzipien abgerückt. Der Brite sieht, wenn sein Diktat zur rechnerischen Vernunft greift, ein Einsparpotenzial von 50 Prozent pro Team. Vorerst ist er ein halber Sieger, weil der smarte PS-Funktionär aber gern das Maximale anstrebt, wird er darüber wachen, dass aufgeschoben nicht auch aufgehoben bedeutet.

Das Spiel auf Zeit hat er jedenfalls dicke, und Teamchef-Sitzungen, bei denen nach acht Stunden Diskussion nicht mal so viel Geld eingespart wurde, um die servierten Sandwiches zu bezahlen, bestärken ihn in seiner juristischen Notbremse. Applaus vielerorten hat der Brite für die jähe Verdeutlichung des Prinzips Gewaltenteilung erhalten, wonach nicht die Teilnehmer eines Wettbewerbs selber ihre Regeln bestimmen sollten. Mit Ausnahme natürlich von der Herstellervereinigung Grand Prix World Championship, die an der Machtübernahme in der Formel 1 interessiert ist und mit einer Gegenserie ab 2007 droht.

Der Machtkampf wird spätestens dann richtig beginnen, wenn in den kommenden Jahren technische Einheitslösungen (Bremsen, Flügel) und eine drastische Motorenreduzierung durchgesetzt werden sollen. Die Industrielobby äußert sich bereits verächtlich über die "Traktorisierung", doch Mosley hält mit Moral dagegen: "Die Formel 1 besteht aus sehr viel High-Tech, aber sie sollte ein Sport bleiben - und ein menschlicher Sport dazu."

Am ehesten war dieser Tage die Solidarität der Königsklässler bei den Kontobewegungen zu erreichen. Für Jordan und Minardi, die finanziellen Sorgenkinder, wurde der Vermarktungs- Geldtopf kurzerhand zum Solidaritätsfonds umgewandelt. Kräftige zweistellige Millionensummen, ergänzt aus der Privatschatulle von Bernie Ecclestone, garantieren nicht nur den Garagisten das Überleben im Konzernrennen, sondern sichern überhaupt das gerade noch adäquate - und vor allem den Fernsehanstalten vertraglich garantierte - Starterfeld von 20 Autos.

Indem künftig die Kosten halbiert werden, hofft Mosley auch, demnächst wieder mal einen neuen Rennstall in den erlauchten Kreis aufnehmen zu können. 30 Millionen Dollar würden schon für einen Saisonbetrieb reichen. Es wäre das erste Mal seit 1997, und könnte auch bitter notwendig werden, falls einer der noch teilnehmenden Konzernherren abrupt die Lust am teuren Hinterherfahren verlieren sollte. Ob die Budgets aber tatsächlich sinken, bleibt abzuwarten.

Während die ersten Teams vorbeugend Testwagen ohne Startautomatik und Traktionskontrolle einsetzen, beginnt Ende der Woche aus deutscher Sicht die Zeit der interessanten Fahrzeugvorstellungen: BMW-Williams und Ralf Schumacher machen den Anfang, am Wochenende darauf präsentieren sich Ferrari mit Michael Schumacher und Sauber mit Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen.

Frentzen frohlockt gar ob der geänderten Rahmenbedingungen, dass der Fahrer nach der Abrüstung nun 40 Prozent mehr Bedeutung erlange. Ferrari-Teamchef Jean Todt kommentierte das süffisant: "Es wird ihm nicht mehr Geld bringen, denn er hat seinen Vertrag schon unterschrieben."

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