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31.01.2002

10:13 Uhr

Einwohner fliehen aus Gardes

Heftige Kämpfe um afghanische Provinzhauptstadt

Heftige Kämpfe um die afghanische Provinzhauptstadt Gardes haben am Donnerstag ein Schlaglicht auf den brüchigen Charakter des Friedensprozesses geworfen. Truppen des Gemeinderats der Stadt, der Schura, kämpften gegen Einheiten des paschtunischen Kriegsherrn Batscha Chan, der auf Seiten der Interimsregierung in Kabul steht.

ap GARDES/WASHINGTON. Über der ostafghanischen Stadt kreisten US-Flugzeuge, ohne in die Kämpfe einzugreifen. Seit Beginn der Kämpfe wurden 18 Einwohner und 15 Schura-Soldaten getötet, wie der Leiter des Gemeinderates, Hadschi Saifullah, am Donnerstag mitteilte. Gardez werde sich niemals den Truppen Chans ergeben. "Er ist ein Tyrann und ein Mörder", sagte Saifullah.

Chan wurde von der Interimsregierung als Gouverneur der Provinz Paktia eingesetzt. Sein Bruder gehört als Minister für Grenzangelegenheiten der Regierung in Kabul an. Schwere Explosionen, Mörserfeuer und Schüsse aus Maschinengewehren erschütterten am Donnerstag die Stadt. "Die Patienten haben Angst", sagte der Chefchirurg des Krankenhauses, Dr. Nadschib. "Wir sind in der Nähe der Front." Ein Flur der Klinik wurde zur Aufnahme der Toten eingerichtet. Einwohner von Gardes, das rund 100 Kilometer südlich von Kabul liegt, ergriffen vor den Kämpfen die Flucht.

In der Stadt leben 20 000 Menschen. Chans Truppen drangen am Mittwoch nach Gardes ein. Nach Darstellung Saifullahs durchsuchten sie Haus für Haus und nahmen 200 Einwohner fest. Chan wirft Mitgliedern der Schura vor, sie seien Sympathisanten der Taliban und von Osama bin Ladens El Kaida. Dies wird von der Schura zurückgewiesen. Diese beschuldigt ihrerseits Chan, für den US-Luftangriff auf eine Delegation der Stadt verantwortlich zu sein, die am 21. Dezember vergangenen Jahres zur Amtseinführung von Ministerpräsident Hamid Karsai nach Kabul reisen wollte. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben.

Wegen der vielfältigen regionalen Spannungen sprach sich Karsai am Mittwoch erneut für eine Ausweitung des Mandats der internationalen Schutztruppe aus. Eine Verstärkung der Soldaten in der Hauptstadt Kabul sei ebenso notwendig wie ein Einsatz der Truppe in anderen Städten des Landes, sagte Karsai vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York. Derzeit beschränkt sich das Mandat für die Schutztruppe auf Kabul. Zur Ausweitung wäre eine neue Resolution des Sicherheitsrats nötig.

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