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23.06.2000

12:10 Uhr

Einzelhandels-Aktien

Handel im Wandel

VonSandra Schuffelen

Die Einzelhandelskonzerne sind für das Internetgeschäft unterschiedlich gut gerüstet. Analysten sehen so manchen Wert skeptisch.

Der kleine verschlafene Ort Nonnington im Süden von Canterbury ist für jeden Touristen der Inbegriff eines typisch englischen Dorfes. Es gibt einen Pub, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert und einen Kricketplatz. Abgesehen von der Tankstelle besteht allerdings keine Möglichkeit, Lebensmittel einzukaufen. Für die 33-jährige Kirsty Vickerstaff, Mutter von drei Kindern, dennoch kein Problem: Sie erledigt ihre Einkäufe bei Tesco - per Internet. Vickerstaff ist eine von 250 000 Kunden, die bei der britischen Supermarktkette regelmäßig online shoppen. Diese Kundenzahl will Tesco bis Ende des Jahres vervierfachen und über das Internet umgerechnet rund eine Milliarde Mark umsetzen. "Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht", meint Analyst Nikolai Baltruschat von der Deutschen Bank und empfiehlt die Aktie zum Kauf - mit Kursziel 240 Pence bis Jahresende. Tesco besitzt in Großbritannien beim Online-Verkauf von Lebensmitteln einen Marktanteil von 95 Prozent. Das Unternehmen habe auf diesem Gebiet einen Wettbewerbsvorsprung von zwei Jahren, schätzt der Experte für Handelsaktien. "Und Tesco ist das einzige Unternehmen, das mit dem Lebensmittelverkauf per Internet bereits heute Geld verdient." Findet die Zukunft des Handels im Internet statt? Die Finanzanalysten sind geteilter Meinung, denn noch ist nicht abschätzbar, wie viel zusätzliches Wachstum durch den Online-Verkauf tatsächlich generiert wird. Ohne Zweifel jedoch steckt der klassische Einzelhandel hier zu Lande seit Jahren in der Krise. Die Nachfrage stagniert, ein ruinöser Preiswettbewerb lässt die Renditen schrumpfen, fast alle Handelsaktien dümpeln vor sich hin. "Angesichts der Konkurrenz aus Amerika wird den europäischen Handelskonzernen nichts anderes übrig bleiben, als das Thema Internet offensiv anzugehen", ist sich James Hamilton sicher. Der US-Aktienspezialist der Privatbank Oppenheim meint mit den Wettbewerbern nicht nur die jungen dot.coms, sondern in erster Linie den größten Handelskonzern der Welt: Wal-Mart . Tatsächlich drückt der US-Gigant in seinem Heimatmarkt in Sachen Internet aufs Tempo - was ihm mittelfristig auch bei der Expansion in Europa helfen könnte. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte er eine Allianz mit AOL an. Zum Jahreswechsel präsentierte er den Relaunch von wal-mart.com - und eine Verdoppelung des Online-Angebots auf 600 000 Artikel. Im Vergleich zu den reinen Internetfirmen hat Wal-Mart nach Meinung von Hamilton Vorteile: "Durch die starke lokale Präsenz und große Kapitalkraft wird Wal-Mart eine führende Rolle im Internet spielen." "In Europa ist noch nicht abzusehen, wer von den Handelsunternehmen im Internet das Rennen macht", meint dagegen die WestLB-Analystin Jadwiga Bobrowska. Die strategische Brisanz des Themas scheint jedoch erkannt. Reihenweise setzen die Konzerne zur Online-Offensive an. "Carrefour will in den nächsten drei Jahren rund eine Milliarde Euro in die Internetaktivitäten investieren", berichtet die Aktienexpertin. Die Supermarktkette Ahold testet derweil im niederländischen Heimatmarkt ein Online-Angebot für Lebensmittel, das auch international zügig ausgebaut werden soll. Deutsche-Bank-Analyst Nikolai Baltruschat warnt jedoch davor, bei der Auswahl von Handelsaktien die Präsenz der Unternehmen im Netz überzubewerten: "Der Online-Handel macht in der Regel einen kleinen Umsatzanteil aus und besitzt nur einen geringen Einfluss auf das Ergebnis." Während andere Analysten die Halbherzigkeit vieler deutscher Handelskonzerne im Hinblick auf ihr Engagement im Internet kritisieren, sieht er darin kein Problem. Eine "kluge Strategie" fährt zum Beispiel seiner Meinung nach Deutschlands größter Handelskonzern Metro , der "entlang der Kundennachfrage" in das Internet investiere. "Das Wachstumspotenzial durch das Internet im Einzelhandel wird derzeit überschätzt", meint Baltruschat. Ähnlich sieht das Analyst Klaus Becker von der Commerzbank. Ausschlaggebend sei auch nicht, ob ein Unternehmen im eigenen Land gut sei. Vielmehr muss es als "Global Player" im internationalen Wettbewerb eine führende Position einnehmen, um für den Anleger interessant zu sein - wie etwa Carrefour, Ahold und Tesco. "Die deutschen Handelskonzerne kommen da nicht in die engere Wahl", sagt Becker. Zum Verkauf rät er etwa bei AVA, die international kaum aktiv und deren Informationspolitik mager sei. Ein weiterer Verkaufskandidat ist für ihn Karstadt Quelle. Das Unternehmen habe sein angekündigtes Ergebnis für das Geschäftsjahr 1999 um rund 200 Millionen DM verfehlt. Zudem habe das Management bei Akquisitionen bisher keine glückliche Hand bewiesen. Dass die Startposition des Konzerns bei den Internetaktivitäten viel versprechend sei, ändere an seiner Gesamteinschätzung für die Aktie nichts, so Becker. Auch WestLB-Analystin Bobrowska gibt anderen Aktien den Vorzug. So rät sie unter anderem zum Kauf von Ahold (Kursziel 35 Euro in zwölf Monaten), deren Wachstumsstrategie vor allem in den USA sehr erfolgreich sei. Überdurchschnittliche Kurschancen räumt sie ebenso der Douglas Holding (Kursziel 50 Euro) ein, die 1999 ein Rekordergebnis erzielt habe und im laufenden Jahr wiederum deutliche Umsatzzuwächse verzeichne. Für Caroline Tatham von Goldman Sachs steht derweil fest: Ein Zurück zur alten Beschaulichkeit gibt es für die Handelsunternehmen nicht. Eine schlüssige Internetstrategie hält sie für eine der wichtigsten Herausforderungen, der sich die Unternehmen stellen müssten. Die besten Erfolgschancen räumt sie in Europa dabei Ahold, Metro und insbesondere Tesco ein. In Nonnington freut sich Kirsty Vickerstaff derweil schon auf den nächsten Coup von Tesco: Denn noch in diesem Sommer wollen die Briten ihr Internetangebot um Bekleidungs- und Modeartikel erweitern.

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