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28.01.2002

17:19 Uhr

Elektronische Systeme im Auto helfen beim Lenken und Bremsen

Joy-stick löst Lenkrad ab

VonThomas Mersch

Egal ob Bremse, Lenkung oder Gaspedal - elektronische Systeme lösen die herkömmlichen hydraulischen oder mechanischen Varianten ab und sorgen für mehr Sicherheit und Komfort im Auto. Hersteller von Nobelkarossen integrieren Teile der neuen Technik bereits heute in ihre Modelle.

DÜSSELDORF. Pionier bei der Entwicklung von elektronischen Lenksystemen (Steering-by-wire) ist laut Marktforscher Frost & Sullivan die ZF Lenksysteme GmbH in Schwäbisch Gmünd. Das gemeinsame Unternehmen der Robert Bosch GmbH und der ZF Friedrichshafen AG hat eine elektrische Lenkung entwickelt, mit der die hydraulische Steuerung schon heute ersetzt werden kann. Dies spare bis zu 85 % der derzeit notwendigen Energie.

Die "Servolectric" genannte Technik soll bereits von Herbst 2003 an von einem Automobilhersteller in Serie gebaut werden. Um welchen Konzern es sich handelt, sei derzeit jedoch noch geheim, sagt Andreas Ziegele, Sprecher von ZF Lenksysteme. Besonderes Augenmerk auf die neue Technik hat BMW gelegt; schon vor knapp zwei Jahren präsentierten die Münchener die Neuerung. Deshalb gilt es in der Branche als ausgemacht, dass Steering-by-wire im nächsten Jahr im neuen 5er-BMW auftauchen wird.

Das System wird allerdings nicht das Lenkrad ersetzen. Die Fahrer müssen sich also noch nicht an das Fahren mit Joystick gewöhnen. Es handelt sich daher um einen Vorläufer des Steering-by-wire-Systems. Bis das Lenkrad aus dem Auto verschwindet, werden noch einige Jahre vergehen.

ZF Lenksysteme will laut Ziegele das erste einsatzbereite Steer-by-wire-Modell von 2005 an auf den Markt bringen, das ohne Lenksäule auskommt und auch über einen Joystick gesteuert werden könnte. Die Hersteller versprechen sich außer verbessertem Fahrkomfort vor allem mehr Sicherheit für den Fahrer. Bei Frontalunfällen werde derzeit häufig die Lenksäule in den Innenraum des Autos gedrückt, erläutert Ziegele. Mit der künftigen Technik werde diese Gefahr beseitigt. "Zudem wird mehr Platz geschaffen, was den Herstellern neue Konstruktionsmöglichkeiten eröffnet", sagt Ziegele.

Elektrische Kabel ersetzen hydraulische Systeme

Doch auch andere elektronische Systeme sollen das Autofahren bequemer und sicherer machen: "X-by-wire" heißt die Technik, die mechanische Verbindungen bei Bremsen, Gaspedal oder Lenkung langfristig ersetzen wird. In ihrer neuen Studie prognostiziert die britische Unternehmensberatung Frost & Sullivan diesen Systemen hohes Wachstum: Der Umsatz mit neuen X-by-wire-Techniken soll danach in Europa im Jahr 2010 rund 1,75 Mrd. Euro erreichen - im Jahr 2000 waren es 0,32 Mrd. Euro.

Bei dem Begriff X-by-wire steht das X als Platzhalter, beispielsweise für Bremsen (Brake-by-wire), Kupplung (shift) oder die Lenkung (steering). Elektrische Kabel machen die bislang üblichen mechanischen oder hydraulischen Systeme überflüssig - etwa zwischen Pedalen und Motor.Eine Vorstufe der Brake-by-wire- Variante wurde jüngst von Bosch zum ersten Mal in Serie eingebaut. Die Daimler-Chrysler AG hat im Sommer erste Modelle mit elektrohydraulischen Bremsen (EHB) gefertigt. Die EHB-Variante wird laut Frost & Sullivan den Markt bis 2010 beherrschen.

Damit die elektronischen Systeme problemlos in die Autos integriert werden können, müssen sich die Hersteller noch auf gemeinsame Standards einigen. Das gilt für die Umrüstung der Bordnetze von derzeit 12 auf 42 Volt sowie für das Kommunikationsprotokoll für den Datenaustausch zwischen den Systemen. "Zulieferer müssen wissen, in welche Richtung sich der Markt entwickelt", sagt Sarwant Sing, European Automotive Programme Manager bei Frost & Sullivan.

Als Kommunikationsprotokoll favorisieren derzeit Daimler-Chrysler und BMW das FlexRay genannte Modell, während Volkswagen zusammen mit Audi auf die Time-Triggered Protocol (TTP) genannte Variante setzt. Andreas Ziegele von ZF Lenksysteme ist jedoch zuversichtlich, dass das Problem unterschiedlicher Standards bald gelöst wird. Im Dezember hätten sich Vertreter beider Konsortien getroffen: "Es sieht so aus, als würden die beiden Varianten zusammengefasst."

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