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20.03.2003

07:32 Uhr

Enel vor der kompletten Übernahme der italienischen Telefongesellschaft

France Télécom schreibt Wind ab

Das italienische Abenteuer der France Télécom scheint beendet. Die Franzosen wollen ihre Restbeteiligung an der Telefongesellschaft Wind an den Stromkonzern Enel verkaufen.

mab/abo MAILAND/PARIS. Die France Télécom will sich offenbar von ihrer italienischen Mobilfunkbeteiligung Wind trennen. Das verlautete am Mittwoch in italienischen Industriekreisen. Abnehmer des 26,6 % starken Aktienpaketes wird voraussichtlich der italienische Stromkonzern Enel sein. Dadurch würde die zweitgrößte italienische Telefongesellschaft künftig vollständig von Enel kontrolliert. Auch wenn das der Versorgungskonzern offiziell bestritt, sagten den Verhandlungen nahe stehende Kreise, dass der Abschluss nur noch eine Frage von Tagen sei. Der voraussichtliche Verkaufspreis für das 26,6-Prozent-Paket liege zwischen 1,6 und 1,8 Mrd. Euro. Daraus errechnet sich eine Gesamtbewertung von Wind zwischen 6 und 6,7 Mrd. Euro.

Wind war 1998 als Gemeinschaftsunternehmen von Deutscher Tele-kom, France Télécom und Enel gegründet worden. 2000 musste der deutsche Ex-Monopolist aussteigen, da der Versuch einer Fusion zwischen ihm und der Telecom Italia die Stimmung zwischen den drei Partnern vergiftet hatte. Der damalige Konzernchef Ron Sommer erlöste für den 24,5 %igen Anteil 2,7 Mrd. Euro. In der Folgezeit gab es Meinungsunterschiede zwischen France Télécom und Enel über den Zukauf des zweitgrößten italienischen Festnetzbetreibers, Infostrada. Trotz der Opposition der Franzosen setzte der damalige Enel-Chef Franco Tatò die Akquisition durch, bezahlte für Infostrada 7,7 Mrd. Euro an Vodafone und fusionierte die Gesellschaft mit Wind. Da Enel den Deal finanzierte, verwässerte sich der Anteil der FT bei Wind seinerzeit von 43,4 % auf 26,6 %.

Branchenbeobachter hatten France Télécom seither immer wieder ein Interesse nachgesagt, die Eigentumsverhältnisse bei Wind durch den Ausstieg eines der Partner zu klären. France Telecom kommentierte die Entwicklung bei Wind gestern nicht.

Dennoch ist es in Paris ein offenes Geheimnis, dass die Führung des halbstaatlich-französischen Konzerns spätestens mit dem Infostrada-Deal das strategische Interesse an Wind verloren hat. Das lag vor allem an dem Schlingerkurs, den Enel zwischen dem Anspruch auf industrielle Führung bei Wind und dem Willen, Enel auf Stromversorgung zu konzentrieren, in den letzten Jahren fuhr. So kam France Télécom zum Beispiel mit ihren Vorstellungen, Wind in das Netz ihrer Mobilfunksparte Orange einzubeziehen, nie voran.

Auch wenn eine vollständige Übernahme von Wind durch Enel Experten nicht weiter überrascht, zeigten sich die Börsianer gestern unerfreut und schickten die Aktien des Stromriesen in einem ansonsten freundlichen Umfeld auf Talfahrt. Ein Analyst der Investmentbank SSSB sagte: "Dies steht im krassen Widerspruch zu der bisherigen Aussage des Unternehmens, wonach es sich aus dem Telekommunikationsgeschäft zurückziehen möchte." Trotz der voraussichtlichen Aufstockung bleibt indes unklar, ob Enel langfristig Wind kontrollieren oder im Paket verkaufen möchte. Hinweise erwarten sich Marktteilnehmer kommenden Donnerstag, wenn Enel-Chef Paolo Scaroni einen neuen Strategieplan präsentieren wird.

Wind sollte bereits 2001 an die Börse gebracht werden. Der Gang auf das Parkett wurde mehrmals wegen der schwachen Verfassung der Märkte verschoben. Seinerzeit war die Rede von einer Platzierung von 25 % des Kapitals. Wind hat in den ersten neuen Monaten 2002 seinen Umsatz um 17,4 % auf 426 Mill. Euro erhöht und damit ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 171 Mill. Euro erwirtschaftet.

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