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16.01.2007

09:46 Uhr

England und Schottland

Verschlafener Geburtstag

VonMatthias Thibaut

Vor 300 Jahren stimmte das schottische Parlament für die Vereinigung der Königreiche Schottland und England zum Königreich "Great Britain" - obwohl der Großteil der Bevölkerung dagegen war. Heute ist die Ablehnung der Union nicht mehr ganz so groß. Groß gefeiert wird der Geburtstag trotzdem nicht.

LONDON. Am Anfang stand Schmiergeld: Als vor 300 Jahren, am 16. Januar 1707, das schottische Parlament für die Vereinigung der Königreiche Schottland und England zum Königreich "Great Britain" stimmte, waren zuvor großzügige Bestechungszahlungen geflossen - das war ungemein hilfreich. Doch Bestechung hin oder her - der Totalbankrott nach gescheiterten Kolonialunternehmungen ließ den Schotten so oder so keine andere Wahl. Und doch musste der als Spion nach Edinburgh geschickte "Robinson Crusoe"-Autor Daniel Defoe feststellen: "Für jeden Schotten, der dafür ist, sind 99 dagegen."

Heute ist die Ablehnung der Union nicht mehr ganz so groß. Nur noch 51 Prozent der Schotten und 48 Prozent der Engländer sind dagegen. Nach einer in der "Mail on Sunday" veröffentlichten Umfrage unterstützen nur 39 Prozent der Engländer und 36 Prozent der Schotten die Beibehaltung Großbritanniens in seiner heutigen Form. Und so wundert es nicht, dass der Geburtstag erst gar nicht groß gefeiert wird - kein großes Fest, keine Gala-Veranstaltung, keine salbungsvollen Reden. Erst am 1. Mai gibt es ein großes Feuerwerk zu Ehren der Länderehe vor drei Jahrhunderten.

Stattdessen haben die Vertreter des Unabhängigkeitsstrebens wieder Konjunktur. Zum Beispiel Alex Salmond, Chef der schottischen Nationalpartei SNP. Nach allen Umfragen dürfte Salmond nach der nächsten Wahl als Chef einer Koalitionsregierung schottischer Ministerpräsident werden. Für Labour würden damit drei Jahrzehnte politischer Dominanz zu Ende gehen. Gewählt wird am 3. Mai - zwei Tage nachdem Leuchtraketen zur Feier der Länderehe vor drei Jahrhunderten in den Himmel steigen.

David Mundell, der einzige konservative Unterhausabgeordnete mit einem schottischen Wahlkreis, weiß, warum die großen Parteien beides verschlafen haben - den Jahrestag wie auch die Gefahr für das Königreich. "Politische Empfindlichkeit", womit er den schottischen Wahlkampf und den immer schärferen Kampf zwischen Labours kommendem Mann, Gordon Brown, und den Konservativen unter David Cameron meint. Mundells Antrag, die Post möge Sondermarken zum 300. Geburtstag herausgeben, fand keinen Widerhall. Lediglich eine neue Zweipfundmünze lässt die Königin für das heutige historische Datum schlagen.

Ob die Münze hilft oder die Sondermarke geholfen hätte? Tatsache ist: Britische Politiker machen sich Sorgen. So forderte der ehemalige Europaminister Denis McShane eine Frischzellenkur für die Union. Dann stellte sich Gordon Brown an die Spitze der Kampagne pro Britannia. Der Schotte will als nächster Premier das Vereinigte Königreich regieren und hat schon deshalb größtes Interesse an seiner Erhaltung.

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