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26.06.2000

17:00 Uhr

Reuters LONDON. Der Entzifferung des genetischen Bauplans des Menschen ist ein Meilenstein der Wissenschaft, einen schlagartigen Durchbruch bei der Entwicklung neuer Medikamente indes verheißt er nicht. Die am Montag bekannt gegebene Entzifferung von 97 % des menschlichen Erbmaterials, des Genoms, wird nach Einschätzung von Fachleuten eine kostspielige und langwierige Forschungs- und Entwicklungsarbeit der Pharmaindustrie nach sich ziehen: Mit raschem Profit sei daher nicht zu rechnen.

"Informationen über das Genom an und für sich sind interessant, viel kommerziellen Wert habe sie aber nicht", sagt Peter Laing, Industrieanalyst bei SG Securities in London. Jetzt müssten die Pharmaforscher erst einmal die Funktion der einzelnen Gene identifizieren. Der menschliche Körper hat schätzungsweise bis zu 100 000 Gene, von denen etwa 5000 eine Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielen könnten. Herauszufinden, wie Gene Krankheiten auslösen und dagegen gezielt Medikamente zu entwickeln, wird die Forscher auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen.

Für Peter Goodfellow, Chef der Abteilung Entwicklung beim Arzneimittelkonzern SmithKline Beecham Plc, ist der genetische Bauplan einfach eine Wegmarke auf einer langen Reise: "Ein Quantensprung ist das nicht", kommentiert er. Schließlich habe die Pharmaindustrie schon in den vergangenen zehn Jahren Kenntnisse über das menschliche Genom für die Erforschung von Medikamenten genutzt. In der Tat werden seit Jahren auch ohne eine vollständige Karte des Genoms Arzneimittel entwickelt, deren Wirkung sich auf spezifische Gene bezieht. Der US-Konzern Human Genome Sciences Inc hatte bereits am Freitag angekündigt, ein solches Produkt werde jetzt klinisch erprobt. Es handelt sich dabei um ein Protein, das Patienten mit einem geschädigten Immunsystem helfen soll.

Dennoch verspricht die vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms insgesamt raschere Fortschritte in der Forschung, weil Wissenschaftler nun gezielter nach neuen Medikamenten suchen können. Auf Sicht dürfte ein besseres Verständnis der Krankheitsursachen und der winzigen Unterschiede im genetischen Code verschiedener Individuen zur Entwicklung von Arzneimitteln führen, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Patienten zugeschnitten sind: "Heutzutage haben wir Durchschnittsmedizin für die Durchschnittsperson. Morgen werden wir personalisierte Medizin für jedes Individuum haben", sagt Bill Castell vom Gentechnologie-Konzern Nycomed Amersham Plc.

Für die kommenden fünf Jahre sagen die großen Pharma- Konzerne einen regelrechten Verteilungskampf infolge der Genom-Revolution voraus. Außer Frage steht, dass die Entzifferung des menschlichen Erbmaterials auf lange Sicht die Medizin grundlegend verändern wird. Investoren im Pharma- Bereich indes, die auf kurzfristige Gewinne hoffen, stellt sich die Frage, wie lange es dauern wird, bis die heute aufgewandten Milliardensummen Erträge bringen. Die Entwicklung von Proteinen zur Heilung von Krankheiten könnte eine erste Frucht der Genom-Revolution sein. Als Knüller jedoch ist dies kaum zu werten, denn die Medikamente müssen gespritzt werden. Als vielversprechender Kassenschlager könnten sich hingegen Molekül-Medikamente auf Genbasis erweisen, die als Tablette eingenommen werden können - noch aber steht jahrelange Entwicklungsarbeit bevor, ehe solche Pillen auf den Markt kommen.

Die Erforschung des Genoms und der Gene entwirre die Grundmechanismen von Krankheiten und ermögliche somit eine gezieltere Behandlung, fasst Goodfellow zusammen. Die Entwicklung neuer Medikamente - Forschung und Erprobung eingeschlossen - dauere allerdings bis zu 15 Jahre, so dass auch jeder bahnbrechende Fortschritt mehrere Jahre brauche, bis er dem Patienten nutzen könne.

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